544
Ivaltenbrunner.
zu Gesichte gekommen. 1 Durch Schweigen also geben die
Gegner zu, dass alle gemachten Angriffe gerechtfertigt sind.
Den Possevinus hält er eigentlich der Entgegnung nicht für
würdig, aber er will nicht, dass Anhänger des Kalenders, namentlich
solche, die, weil in der Mathematik unkundig, sein
Alterum examen nicht geleseu haben, sich durch derlei jesuitische
Kunstgriffe täuschen lassen, und des Possevinus Behauptung
glauben, er habe trotz eines dröhnenden Titels durchaus
nicht dem neuen Kalender geschadet. Der Reihe nach wiederholt
nun Maestlin seine Angriffe und hält sich besonders eingehend
bei der Correctur des Sonnenjahres auf. Den angeführten
Einwurf des Possevinus nun weiss er sehr geschickt zu umgehen.
Indem er nachwies, dass die Aequinoctien sehr schwankend
also durch den neuen Kalender nicht am 21. März gefestigt
seien, habe er allerdings die Prutenischen Tafeln als die
verhältnissmässig besten benützt, nachdem die Kalendermacher
in Rom ihre Pflicht, neue aufzustellen, versäumt hatten. Die
Prutenischen Tafeln seien, wenn auch im Einzelnen fehlerhaft,
doch auf richtigen Grundlagen aufgebaut, und eine derselben
sei die Anomalie der Jahrpunkte — der Grund ihrer Schwankungen.
Indem er nun bestritten habe, dass das Aequinoctium fix
am 21. März bleibe, habe er die Qualität der Anomalie, nicht
deren Quantität im Auge gehabt, und nur nothgedrungen habe
er sich hiebei der allerdings nicht sicheren speciellen Beispiele
aus den Prutenischen Tafeln bedient. Wenn endlich Clavius,
oder ein anderer das versprochene Werk publiciren und von
Grund aus ihn eines andern belehren werden, so ist Maestlin
bereit, der Wahrheit die Ehre zu geben; wenn aber Clavius
nichts besseres zu sagen weiss, als Possevinus, so möge gleich
diese Schrift als Antwort ihm gelten. 2
1 In der That erschien die betreffende Schrift des Clavius erst im Jahre 1588.
2 Maestlin schrieb denn in der That auch fernerhin über den Kalender,
wozu ihm ohne Zweifel die Erwiderung- des Clavius Anlass gegeben hat.
> Die Schrift führt den Titel: ,Examina eorumdemque Apologia‘; leider
findet sich dieses Werk auf keiner der drei genannten Bibliotheken und
ich kenne den Titel nur aus Lipenius, Bibliotheca Realis Philosophica.
Dieser gibt 1593 als Jahr des Erscheinens an; vielleicht ist dies in 1597
zu corrigiren, denn am 9./19. März dieses Jahres schreibt Maestlin an
Kepler, er habe vor einer Woclie seine neue Schrift gegen den Gregorianischen
Kalender vollendet. Aus dem Wortlaut des Briefes geht hervor,