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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

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Kaltenbrunn  er.

dem  Görlitzer  Patrizier  Bartholomäus  Scultetus  in  dem
an  den  Kaiser  gerichteten  Kalendarium  Komanum, 1  das  mir
leider  weder  in  Wien  noch  in  Berlin  zugänglich  war.
Alle  diese  bisher  betrachteten  Schriften  sind  mehr  oder
weniger  in  die  Form  von  Gutachten  gebracht  und  als  solche
entweder  an  die  Nation  oder  an  einzelne  Fürsten  gerichtet.
Sie  hatten  denn  auch  den  von  ihren  Verfassern  gewünschten
Erfolg:  aller  Orten  machte  sich  Opposition  bemerkbar,  die
sich  in  Steiermark,  namentlich  aber  in  Augsburg  zu  bedenklichen ­
  Tumulten  steigerte.  Gerade  um  den  Kalenderstreit  zu
Augsburg  drehen  sich  nun  mehrere  Schriften,  die  meist  ausserhalb ­
  des  Rahmens  dieser  Betrachtung  gehören,  da  sie  nur  die
an  denselben  geknüpften  rechtlichen  Fragen  behandeln.  Aber
einer  Schrift  müssen  wir  noch  Aufmerksamkeit  schenken,  da
sie  an  einer  bedeutenden  Universität  entstand  und  den  Anstoss
  zu  einer  ausführlichen  Widerlegung  von  katholischer
Seite  gab.  Der  Tübinger  Professor  Jakobus  Heerbrandus
fand  sich  veranlasst,  die  renitenten  Prediger  von  Augsburg  zum
Ausharren  im  Widerstand  gegen  ihre  Obrigkeit  zu  ermuntern,
und  stellte  zu  dem  Behufe  Thesen  über  die  Kalenderfrage  auf. 2
1  Dieses  Kalendarium  Romanum  muss  eine  ausführliche  Begründung;  und
Vertheidigung  der  Gregorianischen  Reform  als  Einleitung  haben.  Wir
erfahren  dies  sowohl  aus  der  später  zu  besprechenden  Schrift  des  Protestanten ­
  Schulin  als  auch  aus  der  Moscovia  des  Jesuiten  Possevinus*
Letzterer,  welcher  darauf  grosses  Gewicht  legt,  erzählt  auch,  dass  Scultetus ­
  eine  zweite  derartige  Schrift  zur  Herausgabe  vorbereite,  in  welche
er  auch  Einblick  erhalten  habe.  Eine  Stelle  theilt  Possevinus  daraus  mit,
—  Scultetus  bedauert  darin,  dass  man  eine  an  sich  gute  Sache  aus  Hass
gegen  ihren  Urheber  bekämpfe,  das  Licht  der  Finsterniss  vorziehe  u.  s.  f.
—  Ob  diese  Arbeit  jemals  gedruckt  wurde,  vermag  ich  nicht  anzugeben.
Gewiss  wurde  das  Kalendarium  veröffentlicht,  aber  trotz  seiner  versöhnlichen ­
  Haltung  in  Oesterreich  vom  Kaiser  verboten.  Es  geschah  dies  auf
Antrag  des  Dr.  Paulus  Fabricius  und  zwar  deshalb,  weil  Scultetus  neben
dem  alten  und  neuen  Kalender  eine  dritte  Form  aufgestellt  hatte,  in
welcher  1585  ein  Schaltjahr  sein  sollte.  Fabricius,  der  gerade  über  diese
Frage  ein  Gutachten  an  den  Kaiser  abgab,  beantragte  diese  Massregel,
weil  er  fürchtete,  es  könnte  der  Kalender  des  Scultetus  Verwirrung  anstiften. ­
  Ueberhaupt  beschäftigte  sich  die  damals  in  Blüthe  kommende
Büchercensur  auch  mit  den  Kalendern  (vgl.  Wiedemann,  Die  kirchliche
Büchercensur  in  der  Erzdiöcese  Wien.  Archiv  f.  österr.  Gesell.  L.  1.).
2  Disputatio  de  Adiaphoris  et  calendario  Gregoriano.  Tübingen  1584.  Mit
einer  Vorrede  an  die  Doctoren,  Pastoren  und  Diakonen  von  Augsburg.
            
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