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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

Die  Polemik  über  die  Gregorianische  Kalenderreform.

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geht  Ossiander  auf  den  ersten  der  im  Titel  angekündigten
Punkte  über.  Aus  theologischen  Gründen,  deren  Auseinandersetzung ­
  man  mir  gerne  erlassen  wird,  bestreitet  er  die  Nothwendigkeit
  der  Reform,  zumal  da  der  Pabst  lieber  darauf  sehen
sollte,  seine  Kirche  als  den  Kalender  zu  reformiren.  Indem
Ossiander  von  den  Anmassungen  des  Antichrist  in  Rom  spricht,
verdächtigt  er  den  Pabst,  dass  er  auch  den  Gestirnen  gebieten
wolle,  nach  seinem  Kalender  zu  gehen.  Wenn  aber  etwa
Mathematiker  demselben  Fehler  nachweisen  sollten,  wird  man
zu  Rom  sagen,  dass  diese,  nicht  der  Pabst  fehlen.  Zu  dieser
Unordnung  habe  jedenfalls  Josua  Veranlassung  gegeben,  als  er
Sonne  und  Mond  stille  stehen  liess,  hätte  er  sie  damals  ruhig
laufen  lassen,  so  würden  ihre  Erscheinungen  sicherlich  mit  dem
Gregorianischen  Kalendei'  übereinstimmen.  Wie  Maestlin  schiebt
auch  Ossiander  der  Curie  unredliche  Absichten  unter;  sie  will
nach  seiner  Meinung  unter  den  Reichsständen  Zwietracht  säen
und  unter  ihren  Anhängern  selbst  sondiren;  jene  katholischen
Stände,  die  nicht  allsogleich  und  bereitwillig  den  neuen  Kalender ­
  annehmen  würden,  werden  von  nun  an  von  ihren  geheimen
Plänen  nicht  mehr  unterrichtet  werden.
Bei  diesen  Gesinnungen  ist  es  natürlich,  dass  Ossiander
dem  Pabste  das  Recht  streitig  macht,  die  Reform  vorzunehmen
und  wieder  ihm  die  evangelische  Freiheit  als  Schild  entgegenhält. ­
  In  Folge  dessen  ist  es  auch  für  Ossiander  eine  ausgemachte ­
  Sache,  dass  die  Evangelischen  mit  allen  Kräften  gegen
die  Reform  sich  wehren  müssen;  wie  aber  sollen  sich  jene
Religionsgenossen  verhalten,  die  unter  katholischer  Herrschaft
leben?  Zunächst  sollen  auch  sie  sich  auf  ihre  durch  Verträge
geheiligte  Freiheit  berufen  und  die  Annahme  des  Kalenders
verweigern.  Sollte  es  aber  soweit  kommen,  dass  die  Obrigkeit
mit  Gewalt  und  Schliessung  der  Kirchen  droht,  so  sollen  sie
sich  dem  Zwange  fügen;  aber  an  den  nun  falsch  gefeierten
Festtagen  sollen  die  Prediger  erklären,  dass  sie  nur  gezwungen
sich  der  Gewalt  gefügt  und  dem  römischen  Antichrist  auch  in
diesem  Punkte  nicht  unterworfen  seien.
Dieser  Rath  Ossianders  gewann  praktische  Bedeutung  in
Steiermark;  es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass  das  ganz  in  diesem
Sinne  abgefassto  Gutachten  der  Tübinger  Universität  an  die
Stände  dieses  Landes  unter  dem  Einfluss  Ossiander’s  abgefasst
            
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