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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

Die  Polemik  über  die  Gregorianische  Kalenderreform.

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sie  überflüssig,  denn  man  habe  sich  bisher  ganz  gut  mit  dem
fehlerhaften  Kalender  beholfen,  durch  einen  neuen  könne
höchstens  Zwietracht  entstehen.  Für  den  Gottesdienst  aber  habe
überhaupt  die  Zeitrechnung  keine  Bedeutung,  denn  die  Osterregel ­
  sei  kein  Glaubensartikel  und  die  unbeweglichen  Feste
stehen  in  keinem  Zusammenhang  mit  den  Erscheinungen  des
Sonnenjahres,  in  die  man  sie  in  den  ersten  christlichen  Zeiten
gebracht  hat.  Alle  diese  Bedenken  aber  werden  dadurch  erhöht,
dass  es  sich  gar  nicht  mehr  lohnt,  für  die  kurze  Zeit,  welche
die  Welt  noch  bestehen  wird,  Unordnung  und  Zerrüttung  durch
Aenderung  der  Zeitrechnung  herbeizuführen;  denn  sicher  rücke
das  Ende  der  Welt  nahe  heran. 1  Die  Tendenz  der  Schrift,
welche  schon  in  diesem  Abschnitte  hervorleuchtet,  zeigt  sich
nun  deutlich  im  zweiten  Theile,  in  welchem  Maestlin  untersucht, ­
  was  denn  von  der  Reform  Gregor  XIII.  zu  halten  sei.
Er  spricht  dem  Pabste  das  Recht  zur  Reform  direct  ab,  und
übt  an  dem  Vorgehen  Gregor’s  die  härteste  Kritik.  Die  Kalenderreform ­
  sei  kein  politisch,  sondern  ein  kirchlich  Ding;  wenigstens ­
  fasse  man  sie  in  Rom  so  auf;  dies  zeige  die  fortwährende
Berufung  auf  das  Concil  von  Nicaea  und  die  Worte  des  Pabstes
in  der  Bulle  ,Inter  Gravissimas'.  Es  gilt  daher  für  die  Protestanten ­
  ihre  evangelische  Freiheit,  die  ihnen  durch  geheiligte
Verträge  gewährleistet  ist,  zu  wahren;  denn  indem  der  Pabst
den  neuen  Kalender  ,mandire',  greife  er  ein  in  das  kirchliche
und  politische  Leben  der  Nation.  Im  Besonderen  tadelt  Maestlin,
dass  Gregor  dabei  auf  die  Evangelischen  keine  Rücksicht  ge-1

  Der  Glaube  an  den  nahen  Weltuntergang  spukte  in  der  Reformationszeit ­
  gewaltig.  Nachdem  der  von  Job.  Stöffler  aus  astrologischen  Gründen
vorhergesagte  Weltkrach  im  Jahre  1524  nicht  eingetreten  war,  (vgl.  Vorgeseh.
d.  Greg.  Kal.-Ref.  p.  390)  übernahmen  die  Historiker  das  Geschäft  der
Unglücksraben.  Sleidanus  (De  quatuor  summis  imperiis  libri  tres  Lib.  III.)
und  Melanehton-Peucer  (Chronicon  Carionis.  Ep.  dedicat.)  benützten  die
Prophetien  Daniels  für  ihre  geschichtsphilosophischen  Dreehseleien,  indem
sie  die  Weltgeschichte  in  ,periodi  universales'  zu  je  500  Jahren  (70  prophetische ­
  Wochen.  1  Wochentag  =  1  gemeinen  Jahr)  theilten.  Ging  die
Rechnung  nicht  zusammen,  so  musste  der  Zorn  Gottes  über  das  sündige
Treiben  der  Menschen  die  Periode  abkürzen.  Wenn  nun  gar  der  Antichrist ­
  dazukam,  der  ja  zweifellos  in  Rom  sein  Unwesen  trieb,  so  war  der
Weltuntergang  jetzt,  wo  wieder  eine  solche  Periode  im  Ablaufen  war,
ganz  sicher  zu  erwarten.

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