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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

Die  Polemik  über  die  Gregorianische  Kalenderreform.

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Wunsch  nach  Reform,  der  sich  unter  Pius  Y.  in  so  wenig
zutreffender  Weise  manifestirt  hatte,  auch  seinen  Nachfolger
Gregor  XIII.  beseelte.  Aber  mehr  können  wir  nicht  annehmen
—  wir  haben  keine  Nachricht,  dass  von  ihm  jemand  angeregt
worden  wäre,  abermals  an  die  Lösung  des  Problems  zu  gehen.
Inzwischen  aber  arbeitete  ein  Arzt  in  Süditalien  —  Aloisio
Lilio 1  —■  10  Jahre  daran,  einen  Cyclus  zu  construiren,  der
möglichst  dem  alten  adaequat,  doch  so  viel  verjüngende  Kraft
in  sich  selbst  besitzt,  auch  für  die  kommenden  Zeiten  Gültigkeit ­
  zu  haben.  Es  war  dem  Manne  nicht  beschieden,  die
Früchte  seiner  Arbeit  reifen  zu  sehen;  er  hinterliess  das  fertige ­
  Manuscript  seinem  Bruder  Antonio,  der  dasselbe  bei  der
päbstlichen  Curie  einreichte  mit  der  Bitte,  es  prüfen  zu  lassen
und  das  Privilegium  zum  Druck  zu  ertheilen.  Gregor  XIII.
legte  die  Arbeit  gerade  in  Rom  anwesenden  Mathematikern
vor,  und  unter  ihnen  war  schon  Clavius,  der  fortan  die  Seele
des  Unternehmens  wurde;  auch  Vincentio  Laureo  wird  uns
namentlich  angeführt.
Wir  haben  über  diese  Vorgänge  sehr  magere  Nachrichten;
selbst  Pietro  Maffei  in  seinen  Annali  di  Gregorio  XIII., 2  der
über  die  Einführung  des  Kalenders  in  den  einzelnen  Ländern
werthvolle  Aufschlüsse  gibt,  berichtet  über  die  Vorgänge  in
der  Commission  sehr  wenig.  In  derselben  waren  ausser  den
beiden  schon  genannten  Männern  der  Cardinal  Sirlet,  der
nach  Ranke 3  den  grössten  Einfluss  auf  die  Sache  ausübte,
dann  der  Spanier  Ciaconius  und  Ignazio  Danti;  doch  wissen
wir  nicht,  ob  dieselben  gleich  zu  Anfang  von  Gregor  berufen

1  Ueber  die  Lebensumstände  des  Mannes  besitzen  wir  äusserst  spärliche
Notizen.  Selbst  sein  Geburtsort  wird  verschieden  angegeben.  Jedoch  ist
dip  Angabe  des  Cardinal  Noris  (Tratato  sopra  il  cicle  Ravennate)  und
Riceioli’s  (Almagestum  Novum),  dass  er  ein  Veronese  sei,  nicht  haltbar
gegenüber  Clavius  (Romani  Calendarii  Explicatio)  und  Pietro  Maffei
(Annali  di  Gregorio  XIII.),  welche  ihm  Ziro  in  Calabrien  als  Geburtsort
zuweisen.  Dem  stimmen  auch  Neuere  bei,  so  Tiraboschi  (Storia  d.  letter.
Ital.  VII.  1.  pag.  390)  und  die  Biographie  Universelle.
2  Pietro  Maffei:  Degli  Annali  di  Gregorio  XIII.  dati  in  luce  da  Carlo
Cocquelines.  Rom  174-2.  Tom.  II.  pag.  270.
3  Ranke:  Die  Römischen  Päpste  I.  428.  Dafür  spricht  auch,  dass  dem
Cardinal  mehrere  anlässlich  der  Reform  abgefasste  Schriften  gewidmet
wurden.
            
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