486
Kaltenbrunner.
und längst gewünschten Reform als gemeinnützige That ansehen,
deren Vortheile wir noch heute geniessen. Diese Auffassung
aber hatten die Menschen des sechzehnten Jahrhunderts
nicht. Man wird nicht leugnen können, dass Gregor XIII.,
als er mit der Bulle ,Inter gravissimas' einen neuen Zankapfel
in die Welt schleuderte, zunächst nur die Katholiken im Auge
hatte; so ging der neue Kalender, mit dem Fluche confessioneller
Autorschaft beladen, in die Welt hinaus. Und daraus erklärt
sich von selbst die heftige Opposition der Gegenpartei, deren
Gründe uns allerdings nicht stichhältig sein können, ja die uns
unbegreiflich und thöricht erscheinen, wenn wir uns nicht auf
den »Standpunkt jener Zeiten zurückversetzen.
Bekanntlich wurde der Streit erst endgültig durch König
Friedrich II. von Preussen beendet. Doch indem ich hier die
Polemik über die Kalenderreform behandeln will, ist es nicht
meine Absicht, die Erzählung so weit auszudehnen; ich beschränke
mich auf den unmittelbar nach der Kalenderreform
zwischen Theologen und Mathematikern der beiden Parteien
ausgetragenen Kampf, und setze als Grenze die officielle Vertheidigung
des Kalenders durch Clavius. In der That lässt
sich hier ein Abschnitt machen, denn weiter hinaus verliert
einerseits der Kampf an Lebhaftigkeit und Intensität, andererseits
handelt es sich im ferneren Verlaufe nicht darum, warum
der Kalender fehlerhaft und unannehmbar sei, sondern darum,
wie eine Einigung erzielt werden könnte. — Es wird bei einer
solchen Arbeit nicht auffallen, wenn sich der Verfasser entschuldigt,
nicht alles, was er wollte, geleistet zu haben. Meist
handelt es sich da um schwer zugängliche Bücher, und obwohl
es mir vergönnt war, in Wien und Berlin die Bibliotheken benützen
zu können, und obwohl ich wegen einzelner Werke
auch in München nachfragte, so habe ich doch lange nicht
das Material erschöpft. Von den mathematischen Schriften habe
ich allerdings bis auf eine sämmtliche mir bekannt gewordenen
benützen können. Grosse Lücken dagegen muss ich bei den
theologischen Tractaten constatiren. Mit wenigen Ausnahmen
glaube ich jedoch diesen Mangel nicht sehr beklagen zu müssen;
es konnte sich ja doch nur darum handeln, Specimina anzuführen
und zu besprechen. Eine Darlegung aller dieser Schriften
würde ohne Zweifel ermüden und kaum Neues bringen; denn