Kalfcenbrunner. Die Polemik über die Gregorianische Kalenderreform. 485
Die Polemik über die Gregorianische Kalender-Reform.
Von
Dr. Ferdinand Kaltenbrunner,
Privatdocent an der Universität Graz.
Jahrhunderte hindurch war der Ruf nach Verbesserung
des Julianischen Kalenders von Mathematikern und Theologen
erhoben worden. Einige Male schien es, als ob die Reform
verwirklicht werden sollte; doch stets scheiterte sie entweder
an den äusseren Verhältnissen oder an den ihr anhaftenden
inneren Schwierigkeiten. Endlich unter Gregor XIII. glaubte
man die letzteren überwinden zu können, und mit grosser
Energie wurde nun die Reform von diesem Pabste durchgeführt.
Aber damals lagen die äusseren Verhältnisse für ein
solches Werk möglichst ungünstig. Die Kirchenspaltung war
unheilbar geworden, Katholiken und Anhänger der neuen Lehre
standen sich nach sechzigjährigem Kampfe noch unermattet
gegenüber, stets bereit zur Abwehr gegen jeden Gedanken, der
aus dem feindlichen Lager kam. In solchen unruhigen Zeiten,
in denen die Gemüther aufs höchste erregt und erregbar sind,
ist kein Platz für eine gemeinnützige That: denn einerseits
drückt der Urheber unwillkürlich derselben den Stempel seiner
Geistesrichtung auf, und andererseits übersieht der Gegner nur
allzuleicht ihren wahren Charakter und Werth und stösst sich
entweder an den sie begleitenden Nebenumständen, oder was
noch schlimmer ist, er sieht von der Sache ab und bekämpft
nur ihren Urheber. Dieses Schicksal nun hatte die Kalenderreform
Gregor XIII. Es wird heute Niemandem beifallen, aus
dem Kalender eine Glaubenssache zu machen und die Zeitrechnung
in irgend einen Zusammenhang mit confessionellen
oder religiösen Dingen zu bringen. Von unserem Standpunkte
aus müssen wir daher die Durchführung der höchst nöthigen