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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

Demosthenisclie  Studien.  43
und  seiner  ideellen  Ziele,  die  politische  Bedeutung  derselben
klarer  erkannt  würde.  Wir  sahen  dabei,  dass  jene  Massregeln,
zu  deren  Durchführung  er  mit  der  Stellung  förmlicher  Anträge
die  Initiative  ergriff,  nur  dann  einigermassen  beurtheilt  werden
können,  wenn  wir  uns  Zeit  und  Veranlassung  derselben,  innere
und  äussere  Zustände  des  Staates  durch  sorgsame  Verwerthung
unserer  dürftigen  Tradition  in  schärferem  Umriss  vergegenwärtigten; ­
  eine  Würdigung  der  Politik  des  Demosthenes,  glaubten
wir,  müsse  sich  auf  einer  zusammenfassenden  Erwägung  aller
dieser  Momente  aufbauen;  sie  habe  sich  zu  hüten,  jede  überschwängliche ­
  Motivirung  in  eine  wirkliche  Ueberzeugung  des
Redners  umzusetzen,  aus  jedem  herben  Tadel  eine  historische
Thatsache,  aus  jedem  Imperativ  ein  fertiges  Psephisma  herauszuschälen; ­
  allerdings  aber  müsse  sie  aus  den  Worten  desselben
zu  gewinnen  suchen,  was  er  weise  oder  zufällig  verschweigt,
was  seine  Gegner,  die  wir  nicht  mehr  ins  Verhör  nehmen
können,  gewollt  und  gedacht;  ohne  dieses  vorsichtige  Ab  wägen
nach  allen  Seiten  würde  sie  sich  in  einen  Knäuel  von  Widersprüchen ­
  verwickeln.
Das  Nützliche  und  Zeitgemässe  unseres  Versuches,  für
eine  solche  Würdigung  der  demosthenischen  Politik  den  Boden
zu  ebnen,  konnte  nicht  schlagender  demonstrirt  werden,  als
durch  eine  jüngst  erschienene  Abhandlung  A.  Weidners  (im
Phil.  36,  246  ff.),  welcher  auf  Grund  der  von  uns  behandelten
Reden,  Demosthenes’  Politik  dieser  Epoche  einer  einschneidenden ­
  Kritik  unterzieht  und  dabei  zu  einem  Resultate  gelangt,
welches  den  bisher  geltenden,  von  Männern  wie  Grote  und
A.  Schaefer  getheilten  Ansichten  diametral  entgegensteht.  Diese
fanden  in  den  bezüglichen  Reden  alle  Qualitäten  eines  grossen
Staatsmannes  ausgeprägt.  Freilich  an  der  Grösse  der  Erfolge,
wonach  als  Massstab  Weidner  nicht  bloss  Demosthenes’  intellectuelle,
  sondern  auch  seine  moralischen  Eigenschaften  abschätzen ­
  zu  können  meint,  sahen  und  suchten  sie  dieselben
nicht.  Mit  Recht.  Denn  das  hiesse  bei  unserer  dürftigen  Kenntniss
  jener  Zeit  mit  mehreren  Unbekannten  rechnen.  Wenn  auch
das  Resultat  von  Demosthenes’  Bemühungen  gegen  Philipp  uns
gleich  Null  erscheint,  wer  wollte  sagen,  wie  sich  Athens  Lage
ohne  die  von  Demosthenes  genährte  und  gesteigerte  Widerstandskraft ­
  gestaltet  hätte?  Wer  will  auch  nur  behaupten,  dass
            
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