Demosthenisclie Studien. 43
und seiner ideellen Ziele, die politische Bedeutung derselben
klarer erkannt würde. Wir sahen dabei, dass jene Massregeln,
zu deren Durchführung er mit der Stellung förmlicher Anträge
die Initiative ergriff, nur dann einigermassen beurtheilt werden
können, wenn wir uns Zeit und Veranlassung derselben, innere
und äussere Zustände des Staates durch sorgsame Verwerthung
unserer dürftigen Tradition in schärferem Umriss vergegenwärtigten;
eine Würdigung der Politik des Demosthenes, glaubten
wir, müsse sich auf einer zusammenfassenden Erwägung aller
dieser Momente aufbauen; sie habe sich zu hüten, jede überschwängliche
Motivirung in eine wirkliche Ueberzeugung des
Redners umzusetzen, aus jedem herben Tadel eine historische
Thatsache, aus jedem Imperativ ein fertiges Psephisma herauszuschälen;
allerdings aber müsse sie aus den Worten desselben
zu gewinnen suchen, was er weise oder zufällig verschweigt,
was seine Gegner, die wir nicht mehr ins Verhör nehmen
können, gewollt und gedacht; ohne dieses vorsichtige Ab wägen
nach allen Seiten würde sie sich in einen Knäuel von Widersprüchen
verwickeln.
Das Nützliche und Zeitgemässe unseres Versuches, für
eine solche Würdigung der demosthenischen Politik den Boden
zu ebnen, konnte nicht schlagender demonstrirt werden, als
durch eine jüngst erschienene Abhandlung A. Weidners (im
Phil. 36, 246 ff.), welcher auf Grund der von uns behandelten
Reden, Demosthenes’ Politik dieser Epoche einer einschneidenden
Kritik unterzieht und dabei zu einem Resultate gelangt,
welches den bisher geltenden, von Männern wie Grote und
A. Schaefer getheilten Ansichten diametral entgegensteht. Diese
fanden in den bezüglichen Reden alle Qualitäten eines grossen
Staatsmannes ausgeprägt. Freilich an der Grösse der Erfolge,
wonach als Massstab Weidner nicht bloss Demosthenes’ intellectuelle,
sondern auch seine moralischen Eigenschaften abschätzen
zu können meint, sahen und suchten sie dieselben
nicht. Mit Recht. Denn das hiesse bei unserer dürftigen Kenntniss
jener Zeit mit mehreren Unbekannten rechnen. Wenn auch
das Resultat von Demosthenes’ Bemühungen gegen Philipp uns
gleich Null erscheint, wer wollte sagen, wie sich Athens Lage
ohne die von Demosthenes genährte und gesteigerte Widerstandskraft
gestaltet hätte? Wer will auch nur behaupten, dass