228
M e i n o n g.
beiden möglichen Interpretationen Einwände aufrecht bleiben
müssen.
Aber sehen wir nun des Näheren zu, wie es um die Beweiskraft
der drei Argumente bestellt ist, die Hume zu Grünsten
seiner negativen Behauptung vorführt.
Schon der Satz, mit dem Hume seinen ersten Beweis eröffnet,
und der auch in späteren Partien des Treatise wiederholte
Anwendung findet, scheint höchst bedenklich. Wie sollen
wir die Gleichsetzung des Verschiedenen mit dem Unterscheidbaren
verstehen? Heisst unterscheidbar das, was unter Voraussetzung
einer unbegrenzten Empfindlichkeit der Sinne selbst
für die geringsten Differenzen nicht als gleich betrachtet werden
könnte? Ist dies der Fall, so ist der Satz tautologisch und
praktisch unbrauchbar, — wo nicht, so ist er falsch, man wollte
denn behaupten, dass z. B. die Nebelflecke, die bekanntlich
W. Herschel sämmtlich für Sternsysteme hielt, damals alle ganz
gleichartig waren, und erst durch Anwendung der Spectralanalyse
zu ihrer Erforschung sich einige von ihnen in glühende
Gase verwandelt haben.
Weit wichtiger als dieser erste Satz ist aber für den
Beweis die sich unmittelbar an jenen schliessende Behauptung,
alles Unterscheidbare könne getrennt werden. Man kann sich
im ersten Augenblick einer gewissen Verwunderung darüber
nicht erwehren, dass eine Polemik gegen das Vorhandensein
von Abstractis ein so umfassendes Zugeständniss gegen die
Abtrennungstheorie im Locke’schen Sinne enthält, wie es heute
kaum ein Vertheidiger der Abstraction in Anspruch nehmen
möchte, ■- ein Hinweis auf die schon berührten Fälle der sogenannten
untrennbaren Association genügt, die Tragweite dieser
Concession anschaulich zu machen. Gleichwohl folgert Hume
daraus für sich, und zwar in ganz correcter Weise, so dass, falls
die Beispiele, die er anführt, genügen, gegen den Schluss nichts
(wenigstens nichts zu Gunsten der Trennbarkeit) einzuwenden ist.
Kann man aber einräumen, dass die bestimmte Länge
einer Linie von dieser selbst weder verschieden noch unterscheidbar
sei? Sind Länge und Linie nicht verschieden, so
sind sie dasselbe, — mit der Länge ist also die Linie gegeben;
ob sie übrigens gerade oder krumm ist, ob sie in dieser oder