202
M e i n o n g.
abstract, desto weniger allgemein. Ist der Inhalt = 1 (einfacher
Begriff), so ist der Umfang unendlich gross. Ist der
Inhalt unendlich gross (das wird gewöhnlich als Eigenthümlichkeit
concreter Vorstellungen angegeben), so ist der Umfang
= 1, d. h. jede concreto Vorstellung ist individuell, jede individuelle
coneret, woraus sich von selbst ergibt, dass auch
alle Abstracta allgemein, alle Universalbegriffe abstract sind.
Umfang und Inhalt bestimmen sich also gegenseitig.
Dass zunächst in der That alle concreten Vorstellungen
zugleich auch individuell sind, muss jedem klar sein, der bedenkt,
dass jede concrete Vorstellung eines psychischen oder
physischen Objectes ganz bestimmte Daten der Zeit, respective
des Raumes und der Zeit enthält und in keinem der beiden
Fälle eine Mehrheit von Vorstellungsgegenständen angenommen
werden kann, wenn auch der Grund, der diese Annahme verbietet,
dort und hier nicht völlig gleichartig ist. Im ersten Falle
schlösse die entgegengesetzte Behauptung einen Widerspruch
in sich; denn wenn irgend etwas, so wird durch das Wort
Identität das Verhältniss eines psychischen Phänomens zu
einem psychischen Phänomen bezeichnet, das mit jenem in
allen Stücken, die Zeit eingerechnet, übereinstimmt, blicht so
im zweiten Falle; der noch schwebende Streit der Psychologen,
ob man an ein und demselben Orte zugleich verschiedene
Farben sehen könne, 1 beweist' mindestens, dass eine solche Annahme
nicht absurd ist. Das Gesetz der Undurchdringlichkeit
der Körper ist nicht analytisch; und ist es nicht widersprechend,
dass verschiedene Gegenstände gleichzeitig einen Raum einnehmen
könnten, so ist nicht abzusehen, warum diese Gegenstände
ihre verschiedene Individualität einbüssen sollten, wenn
sie zufällig sonst in jeder Hinsicht übereinstimmten. Von praktischer
Bedeutung ist diese Distinction natürlich nicht; denn
hat das Gesetz der Undurchdringlichkeit nicht mathematische,
so hat es doch jedenfalls physische Sicherheit, — aber dies
konnte uns nicht davon dispensiren, bereits in der obigen
Definition des Individuellen diesen Unterschied namhaft zu
machen.
1 Vergl. Helmholtz Handbuch der physiologischen Optik (Karsten’« allgemeine
Encyklopiidie der Physik, Bd. IX), Leipzig 1867, §. 20 S. 273 ff.