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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

192

Meinong.

Werfen  wir  nunmehr  einen  kritischen  Blick  auf  die
hier  in  möglichster  Gedrängtheit  wiedergegebenen  Ausführungen
des  Bischofs  von  Cloyne,  so  muss  in  erster  Linie  bezüglich
seines  Verhältnisses  zu  Locke  hervorgehoben  werden,  dass  der
Charakteristik  gegenüber,  die  dieser  von  der  Abstraction
gab,  dasselbe  Dilemma  anzuwenden  war,  das  jeder  mit  der
Wirklichkeit  nicht  übereinstimmenden  Definition  entgegengehalten ­
  werden  muss,  nämlich:  entweder  die  Definition  ist
richtig,  dann  kann  in  der  That  das  beschriebene  Ding  nicht
existiren,  •—  oder  aber,  die  Definition  ist  falsch,  und  dann
kann  allerdings  das  fragliche  Ding  noch  ganz  wohl  existiren,
natürlich  aber  theilweise  mit  anderen  Merkmalen  als  den  ihm
in  dieser  Definition  ertheilten.  Berkeley  hat  nun  den  fundamentalen ­
  Fehler  begangen,  von  diesem  Dilemma  nur  das  eine
Glied  zu  berücksichtigen.  Es  wird  heute  Wenige  geben,  die
sich  seiner  Polemik  gegen  Locke’s  Darstellung  der  Abstraction ­
  nicht  anschliessen  möchten;  aber  wenn  man  auch  zugeben
muss,  dass  in  den  meisten  Fällen  das  ,Abtrennen'  metaphysischer ­
  oder  logischer  Begriffstheile  bei  Weitem  nicht  so  selbstverständlich ­
  vor  sich  geht,  als  Locke  anzunehmen  scheint,
wenn  man  ferner  den  von  Locke  postulirten  Widerspruch
zurückweisen  muss,  wäre  damit  implicite  schon  die  Möglichkeit ­
  aller  Abstraction  aufgehoben?  Kann  es  nicht  darum  noch
immer  abstracte  Begriffe  geben,  wenn  sie  nur  auf  anderem
Wege  entstanden,  und  von  denen  Locke’s  noch  insofern  verschieden ­
  sind,  als  sie  nicht  die  Conception  eines  Widerspruches
voraussetzen?
Dass  dem  scharfsinnigen  Denker  gerade  diese  Seite  der
Frage  entging,  muss  um  so  mehr  bedauert  werden,  als  einige  in
seiner  Darstellung  als  Inconsequenzen  erscheinende  Zugeständnisse, ­
  gehörig  ausgebildet,  zu  einer  viel  befriedigenderen  Erklärung ­
  der  Abstractionsplninomene  hätten  führen  müssen,  als
Berkeley  auf  dem  von  ihm  eingeschlagenen  Wege  gelingen
konnte.
Die  eine  dieser  Concessionen  finden  wir  am  klarsten  in
folgender  Weise  formulirt:  ,Ich  bestreite  nicht,  dass'  der  menschliche ­
  Geist  ,in  gewissem  Sinne  abstrahiren  kann,  insofern  nämlich, ­
  als  Dinge,  die  in  Wirklichkeit  für  sich  zu  existiren  vermögen ­
  oder  so  percipirt  werden  können,  auch  abgesondert
            
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