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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

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Mühlbache  r.

bei  Böhmer  eine  ziemlich  bedeutende  Zahl  der  Urkunden  und
Acte  Lothar  I.  noch  nicht  verzeichnet  ist 7  benütze  ich  der
Gleichmässigkeit  wegen  für  die  folgenden  Erörterungen  die
Nummern  dieses  Verzeichnisses  und  füge  in  Klammern  die
Regestennummern  Böhmers  bei.
Mit  vollstem  Rechte  betont  Sickel,  1  dass  zur  Entscheidung
der  Frage,  welche  Epoche  in  der  königlichen  Kanzlei  eingehalten ­
  wurde,  die  Datirung  der  Privaturkunden  nicht  als  massgebend ­
  herangezogen  werden  dürfe,  denn  diese  sei  nur  localer
Natur.  So  richtig  der  Satz  ist,  so  dürften  sich  auch  für  ihn
wie  für  jede  Regel  Ausnahmen  finden.  Es  ist  an  sich  nicht
unwahrscheinlich,  dass  in  aussergewöhnlicheren  Fällen  für  die
Rechtsurkunden,  die  in  keinem  Lande  eine  solche  Bedeutung
gewannen  wie  in  Italien  mit  seinen  festgefugten  Rechtsformen
und  seinem  Notariatsinstitute,  auf  dem  Verordnungswege  eine
bestimmte  Epoche  fixirt  wurde.  Zu  dieser  Vermutung  berechtigt ­
  die  Wahrnehmung,  dass  mit  einemmale  an  den  verschiedensten ­
  Orten  dieselbe  Epoche  auftritt,  dass  diese  gleichmassig
  und  der  Zählung  der  Gesetze  entsprechend  in  ein  Jahr
zurückdatirt,  das  mit  dem  wirklichen  Regierungsantritt  in
keiner  Beziehung  steht.  Diese  Erscheinung  lässt  sich  nur  durch
höhere  Einflussnahme  erklären.  Daneben  kann  der  locale  Gebrauch ­
  bestehen,  welcher  unmittelbar  an  das  massgebende
Ereignis  anknüpft.  Belege  dafür  liefert  die  Zeit  Lothar  I.
Im  Spätsommer  822  wurde  Lothar  nach  Italien  gesandt,
um  in  dem  zerrütteten  Reiche  Recht  und  Ordnung  zu  schaffen; 2
es  war  dies  nur  ein  zeitweiliges  Amt  im  übertragenen  Wirkungskreise, ­
  über  das  er  Rechenschaft  zu  legen  hatte. 3  Im  Begriffe
zurückzukehren  erhielt  er  eine  Einladung  Paschal  1;  am  Osterfeste ­
  823  (April  5)  empfing  er  in  Rom  die  Kaiserkrone. 4
Etwa  zwei  Monate  später  traf  er  am  Hofe  seines  Vaters  ein
und  ging  gegen  Ende  August  des'  nächsten  Jahres  nochmal  in

1  Beitr.  zur  Diplom.  I,  Wiener  Sitzungsber.  36,  348.
2  Einhardi  Ann.  822  vgl.  Vita  Hludowici  c.  35,  Tliegan  c.  29,  Mon.  Germ.
Scr.  1,  209,  2,  626,  597;  über  die  Zeitbestimmung  Sickel  Urkundenlehre
268  n.  3.
3  Simson  1,  184.
4  Et  regni  coronam  et  imperatoris  atque  augusti  nomen  aecepit.  Einb.  Ann.
823  vgl.  V.  Hlud.  c.  36.
            
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