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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Beiträge  zur  Diplomatik  VI.

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Zeit  einen  theils  bleibenden,  theils  wechselnden  Vorrath  von
Urkunden  in  den  verschiedenen  Stadien  der  Ausfertigung'  zur
Verfügung  gehabt  und  denselben  für  die  weitere  Arbeit  verwerthet.
  Vorurkunden  in  Ur-  oder  Abschrift,  Akte,  Concepte,
eben  in  Arbeit  begriffene  Stücke,  fertige  und  zur  Ausfolgung
bereit  liegende  Reinschriften  oder  auch  Copien  von  schon
expedirten  Diplomen  werden  immer  zur  Hand  gewesen  sein.
Diese  Schriftstücke  werden  zum  Theil  auch  mit  Zeitangaben
versehen  gewesen  sein  1  und,  insoweit  sie  in  jüngstvergangener
Zeit  datirt  worden  waren,  für  weitere  Datirung  verwendet
worden  sein,  sei  es  dass  die  Zeitmerkmale  aus  solcher  Vorlage
unverändert  (wenigstens  betreffs  der  Jahrescharaktere)  in  neue
Ausfertigungen  hinübergenommen  wurden,  sei  es  mit  der  dem
Fortschritt  der  Zeit  entsprechenden  Weiterzahlung  der  Merkmale. ­
  So  konnte  durch  Jahre  hindurch  richtige  oder  auch  unrichtige ­
  Berechnung  von  allen  oder  doch  mehreren  Notaren
festgehalten  werden.  Aber  es  war  auch  nicht  ausgeschlossen,
dass  ein  einzelner  Beamter  sich  für  berufen  und  befähigt
erachtete,  eine  wirkliche  oder  vermeintliche  Correctur  vorzunehmen, ­
  noch  dass  er  für  dieselbe  den  einen  und  den  andern
Collegen  zu  gewinnen  verstand.  Wo  nun  solche  Aenderung
gleichzeitig  in  den  Schriftstücken  aller  Notare  auftritt,  wird
man  sie  füglich  auch  auf  Einflussnahme  des  Kanzlers  zurückführen ­
  können,  namentlich  falls  die  Neuerung  mit  dem  Amtsantritt ­
  eines  neuen  Leiters  der  Kanzlei  zusammenfällt.  —
In  der  Hauptsache  scheint  dieser  Zustand  fortgedauert  zu
haben,  bis  unter  Heinrich  II.  das  Kanzleiwesen  und  damit
zugleich  die  Behandlung  der  Daten  von  massgebenden  Per-/
sonen  wieder  in  Ordnung  gebracht  worden  ist.  Vor  1002
nahm  ich  bisher  nur  theilweise  und  nicht  lange  anhaltende
Besserung  wahr,  die  aller  Wahrscheinlichkeit  dem  neuen
Aufschwünge  der  Schulen  seit,  der  Mitte  des  Jahrhunderts  zu
verdanken  war.
Nehme  ich  somit  für  die  Zeit  Otto  I.  einen  Vorgang  an,
der  in  keiner  Weise  geregelt  und  durchaus  nicht  stetig  war,
so  constatire  ich  doch  in  anderer  Beziehung  die  fortdauernde
Macht  der  Tradition.  Seit  den  letzten  Karolingern  war  es

1  Siehe  was  S.  455  über  St.  572  bemerkt  wird.
            
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