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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Der  Mythus  vom  Markgrafen  Rüdeger.

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sondern  auch  aus  dem  Umstande,  dass  nicht  er,  sondern  Giselher
begabt  wird,  ein  Vorgang,  den  das  junge  Epos  durch  Gastfreundschaft ­
  nur  schwach  motivirt.  Es  ist  unter  diesen  Umständen
nothwendig,  hier  noch  einer,  und  zwar  der  jüngsten  Quellenstelle
zu  gedenken,  obwohl  ich  jede  weitere  Folgerung  ausdrücklich  ablehne; ­
  der  Anhang  des  Heldenbuches  nämlich  sagt  geradezu:
,Markgraf  Riediger  von  Bethelar  dem  gäbe  Icünig  günther  syn
tocliter,  die  was  kiinig  Gibichs  suns  tochter‘  (Ausgabe  von  1509,
HS.  S.  288).
Fassen  wir  demnach  die  gewonnenen  Resultate  1  in  Kürze
zusammen,  so  ergibt  sich  neben  dem  beiläufigen  Nachweise  des
dämonischen  Günthers  die  Geschichte  der  Rüdegersage  ungefähr ­
  in  folgender  Gestalt:
Bis  in  die  letzte  Zeit  des  Heidenthums  ward  von  den
Bayern  Wodan  selbst  als  Sonnengott  verehrt;  besonderes  Ansehen ­
  genoss  bei  ihnen  der  hier  wie  anderwärts  vorkommende
Hruodperaht,  eine  der  Hypostasen  des  höchsten  Gottes,  der  in
den  Donaulandschaften  mit  Perahta  eine  Stelle  auszufüllen
scheint,  die  sonst  die  Vanengötter  einnehmen:  er  erscheint  als
Segenspender,  Ehestifter,  aber  auch  als  Schirmer  und  Geleiter
der  Helden,  NN.  2197,  2,  3,  als  ijeveioc;  —  sogar  ausdrücklich
2101,  4  —  und  indem  er  die  Eidestreue  durch  seinen  Tod
besiegelt,  auch  als  öpv.ioq.
Da  am  Ausgange  des  X.  Jahrhundertes  deutsche  Colonen
die  Reichsgrenze  siegreich  hinausschieben  gegen  den  Osten  in
unablässigen  Kämpfen,  wird  die  Sage  vom  Helfer  Ruprecht,
da  in  nächster  Nähe  der  Stätte  seiner  Verehrung  (Erlafmündung)
  das  neue  Kloster  Molk  gegründet  wird,  auf  den  ersten
Grafen  der  Ostmark  übertragen;  der  Gott  aber  ist  zum  Heros

1  Nur  der  Vollständigkeit  halber  erwähne  ich  noch  die  beiden  bisher  unerklärten ­
  Züge:  Rüdegers  Elend  und  arabische  Herkunft;  ersteres  erklärt
sich  aus  seiner  Stellung  zu  Etzel:  nur  gezwungen  dienen  christliche
Helden  dem  heidnischen  Hunnenkönige:  Dietrich  ist  seines  Reiches
beraubt;  Iring  und  Irmenfried  sind  der  Acht  verfallen;  Rüdeger  ist  eilende.
Die  spanische  Abstammung  aber  ist  eine  auf  den  Umstand,  dass  der
Markgraf  als  fremd  galt,  gegründete  nichtige  Erfindung  des  Verfassers
des  Biterolf;  entsprechend,  wie  ich  HZ.  XXI.  187  zeige,  einer  Wiener  Mode
zu  Ausgang  des  XII.  Jahrhunderts.
            
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