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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

272

Math.

Vilkinasaga  c.  358.  370.  388,  die,  mag  man  sie  nun  auf  ältere
Grundlage  oder  spätere  Verderbniss  zurückzuführen,  durchaus
unsere  Auffassung  bestätigt.  Es  ist  dauach  kein  andres  Schwert
als  Gram,  die  alte  Völsungenwaffe,  die  einst  Sigurd  geführt
und  die  Rodingeir  von  Gunnar  bei  Atlis  oben  erwähntem  Besuche ­
  als  Gastgeschenk  erhalten  hat;  er  gibt  es  Giselher  bei
der  Verlobung  mit  seiner  Tochter;  es  wird  gepriesen  als  die
beste  aller  Waffen,  die  so  scharf  ist,  dass  sie  Schild  und  Panzer,•
Helm  und  Wamms  durchschneidet;  und  endlich  fällt  Rodingeir
durch  dieses  Schwert  von  Giselhers  Hand.  Echte  Ueberlieferung
  und  jüngere  Zusätze  haben  sich  in  dieser  Erzählung  durchdrungen, ­
  sind  aber  unschwer  zu  scheiden.  Dass  Rüdeger  Siegfrieds ­
  Waffe  besitzt,  kann  unmöglich  wirklich  sagenhaft  sein;
die  Ueberlieferung  unserer  Nibelungenlieder,  wonach  Hagen
das  Schwert  Balmung  besitzt  NN.  1721,  4.  1736,  4.  2309,  3,  das
er  Siegfried  genommen  hat,  da  er  ihn  erschlagen  2242,  2,  ist
jedenfalls  älter  und  echt  und  die  Darstellung  der  Vilkinasaga,
durch  welche  die  Rüdeger-  und  Siegfriedsage  auf  künstliche
und  gezwungene  Weise  mit  einander  verknüpft  werden,  beweist
eben  nur  welche  Bedeutung  die  sagenkundige  Dichtung  der
Einbusse  dieser  Waffe  zuschrieb.  Ein  anderes  aber  ist  es  mit
dem  Empfänger  des  Schwertes;  hier  hat  unzweifelhaft  die  Saga
das  alte  und  echte  bewahrt,  wenn  sie  Giselher  das  Schwert
bekommen  lässt,  zugleich  mit  der  Verlobten,  und  consequent
auch  Giselher  es  ist,  der  Rüdegern  den  Tod  gibt,  während  er
selbst  vor  Hildebrand  fällt  c.  390.  Das  höhere  Alter  dieser
Erzählung  ergibt  sich  schon  daraus,  dass  Giselher  im  Nibelungenliede ­
  der  einzige  Recke  ist,  der  unbeschenkt  von  Bechelären
zieht,  denn  die  höfische  Wendung  1632,  4,  als  ob  die  Tochter
ein  Ehrengeschenk  wäre,  hilft  nicht  hierüber  hinweg.  Den
deutschen  Dichtern  des  XII.  Jahrhunderts  war  die  alte  Sage,
die  im  rauheren  Norden  unverfälscht  dauerte,  der  Fall  des
Schwähers  durch  den  Bräutigam  der  Tochter,  zu  wild  und
grausam;  sie  gestatteten  einer  milderen  Auffassung  Raum,  die
ihnen  Anlass  gab  zur  Einführung  des  dritten  Bruders  Gernot,
den  die  deutsche  Sage  entweder  ganz  verloren  hatte  oder,  wenn
er,  durch  das  feste  Band  der  Alliteration  gehalten,  dauerte,
was  sich  weder  erweisen  noch  bestreiten  lässt,  nur  als  unbeschäftigte ­
  Nebenfigur  mitführte,  der  lebendigen  Antheil  an  der
            
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