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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

224  2  im  m  ermann.
lischen  angesehen,  das  sühnende  Geschichtsdrama  allein  das
vollkommen  harmonische.  Soll  die  höchstmögliche  Beruhigung
erreicht  und  doch  der  höchstmögliche  Effect  nicht  eingebiisst
werden,  so  muss  wie  in  der  antiken  Tragödie  der  Schein  des
Fatalistischen,  wie  in  der  christlichen  Tragödie  der  Schein  des
Satanischen,  so  in  der  modernen  Tragödie  der  Schein  blosser
Verständigkeit  des  Glückswechsels  gerettet  und  doch  wie
in  jenen  so  in  dieser  der  Schein  der  Gerechtigkeit  der  eingetretenen ­
  Vergeltung  zur  moralischen  Ueberzeugung  erhoben
werden.  Das  geschichtliche  Aussöhnungsdrama  geht  durch  seine
Versöhnung  mit  dem  sühnenden  Geschichtsdrama  in  die  vollkommenste ­
  Form  des  Profandramas,  in  das  moderne  Versöhnungsdrama ­
  über.
Im  ersten  scheint  nur  Nothwendigkeit  zu  herrschen;  im
zweiten  sind  Freiheit  und  Nothwendigkeit.  eins;  im  dritten  löst
die  scheinbar  anfänglich  herrschende  Nothwendigkeit  am  Schlüsse
sich  in  Freiheit  auf.  Verstand  und  Gewissen,  Oausal-  und  moralisches ­
  Gesetz  sind  im  geschichtlichen  Drama  entzweit,  im
Geschichtsdrama  eins;  im  modernen  Versöhnungsdrama  löst
die  anfängliche  Dissonanz  zwischen  Kopf  und  Herz  zuletzt  sich
in  wohlthuenden  Einklang  auf.  Der  unvermeidliche.  Glückswechsel ­
  vom  Bessern  zum  (wirklichen  oder  bloss  eingebildeten)
Schlimmem  erscheint  in  der  modernen  Tragödie  und  Komödie,
jener  vom  Schlimmem  zum  (wahren  oder  vermeintlichen)  Bessern ­
  im  modernen  ernsten  und  possenhaften  Schauspiel,  nicht
nur  in  den  Augen  des  Zuschauers,  sondern  auch  in  jenen  des
Helden,  nicht  nur  als  durch  diesen  selbst  (ohne  ,auswärtige'
Mächte)  verursacht,  sondern  auch  als  gerecht;  der  dramatische ­
  Causalverlauf  erscheint  zugleich  als  der  ethische;
Natur-  und  Sittengesetz,  sinnliche  und  sittliche  Weltordnung
decken  einander  im  Drama.
Das  vollkommenste  moderne  Drama  ist  jenes,  wo  die
Identität  der  natürlichen  und  ethischen  Causalordnung  am
augenscheinlichsten,  die  gerechte  Vergeltung  zugleich  als  Selbstvergeltung, ­
  der  dramatische  Held  als  Thäter,  Zuschauer,  Richter ­
  und  Vergelter  in  einer  Person  erscheint.  Der  Schauplatz
des  Gerichtes  ist  hier  das  eigene  reuevolle  oder  mit  sich  zufriedene ­
  Innere,  der  dramatische  Vorgang  aus  der  äusseren
            
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