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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Lichte  des  Dramas.

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oder  des  Helden  selbst,  braucht  darum  mit  dem  Schicksal
nichts  weniger  als  ausgesöhnt  zu  sein.
Sollen  die  letzten  Schatten  schwinden,  müssen  Verstand
und  Gewissen  auch  untereinander  ausgesöhnt  sein.  Wie  die
Verursachung  des  Glückswechsels  durch  den  dramatischen  Helden ­
  selbst  den  Schein  der  Vergeltung  erzeugt,  so  muss  die
Beschaffenheit  desselben  den  Schein  der  Gerechtigkeit  der  letzteren, ­
  nicht  nur  (subjeetiv)  in  den  Augen  des  Zuschauers,
sondern  auch  (objectiv)  in  jenen  des  Helden  nach  sich  ziehen.
Dieser  Fall  tritt  ein,  wenn  durch  die  selbstverursachten  Folgen
die  That  des  Helden  gesühnt,  das  Mass  des  Wohls  oder  Wehes,
das  er  Andern  zugefügt,  durch  ein  gleiches  ihm  selbst  zugetheiltes
  Mass  von  Wohl  oder  Wehe  wett  gemacht  und  dadurch
dem  moralischen  Urtheil  (des  Zuschauers  oder  seinem  eigenen),
das  billige  Vergeltung  heischt,  vollkommene  Genugtliuung
geleistet  wird.  Das  geschichtliche  (den  Verstand  mit  dem
Loose  des  Helden  aussöhnende)  Versöhnungsdrama  erhebt
sich  zum  sühnenden  (das  Gewissen  mit  demselben  versöhnenden) ­
  Geschichtsdrama.
Jenes  befriedigt  nach  Herweglis  schönem  Wort  den  ,hochgetragenen ­
 4  Kopf,  dieses  diesen  und  das  ,weislich  in  die  Brust
gesetzte  Herz'  zugleich.  Beide  haben  die  verständige  Einsicht
in  die  ,Nothwendigkeit‘  des  Geschicks  und  die  ernste  oder
heitere  Resignation  gemein;  die  sittliche  Einsicht  in  die  ,Gerechtigkeit' ­
  desselben,  dessen  gutheissende  Hinnahme  als  verdienter ­
  Strafe,  wenn  es  Unglück,  als  verdienten  Lohns,  wenn
es  Glück  bringt,  hat  das  sühnende  Drama  vor  dem  versöhnenden ­
  voraus.  Das  geschichtliche  Drama,  That  und  Vergeltung
verknüpfend,  schliesst  von  der  letzteren  den  Anschein  der  Ungerechtigkeit ­
  (eines  ,bösen'  Verhängnisses)  nicht  aus;  das  Geschichtsdrama, ­
  That  durch  Vergeltung  sühnend,  schliesst  die
Billigkeit  dieser,  den  wahren  Ausgleich,  ein.  Jenes  entspricht
dem  antiken,  dieses  dem  christlichen  Versöhnungsdrama  im
Gebiet  des  Religiösen.
Vom  dramatischen  Gesichtspunkte  betrachtet,  ist,  wie  es
auf  religiösem  Gebiet  mit  dem  fatalistischen  und  satanischen
Drama  verglichen  mit  dem  Sühnungsdrama  der  Fall  war,  das
geschichtliche  Aussöhnungsdrama  das  wirksamere,  vom  mora-
            
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