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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Lichte  des  Dramas.

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Wenn  die  unausbleiblichen  Wirkungen  der  geschichtlichen
That  dabei  nicht  immer  auf  den  geschichtlichen  Thäter  zurückfallen, ­
  sondern  oft  von  den  späteren  Nachkommen  getragen
werden  müssen,  so  liegt  darin  der  Grund,  warum  trotz  des
berühmten  Dictums  Schillers,  der  weit  mehr  Dramatiker  als
Geschichtschreiber  war,  die  Weltgeschichte  nicht  immer  als
Weltgericht  erscheint.  Darum  bemerkte  schon  Aristoteles,  dass
die  (dramatische)  Poesie  philosophischer  als  die  Geschichte
sei.  Im  Lauf  der  wirklichen  Dinge  bleibt  die  Wirkung  nie,
jedoch  sehr  oft  die  Vergeltung  der  Wohl-  oder  Missethat  am
Thäter  aus;  die  sichtbare  Wirkung  der  That  des  Helden  im
Drama,  der  Glückswechsel,  ist  auch  deren  sichtbare  Vergeltung. ­
  In  der  Geschichte  verbirgt,  im  Gedicht  vollzieht  sich
das  Gericht.
Aus  diesem  Grunde,  aber  aus  diesem  allein  darf  das
profane  Verstrickungsdrama  geschichtlich  (Geschichtsdrama)
heissen.  Es  arbeitet  dem  Geschichtsglauben,  dass  sich  im
Lauf  der  wirklichen  Dinge  mittels  des  Mechanismus  der  Ursachen
und  Wirkungen  eine  sittliche  Ordnung  durchsetze,  vor,  und
macht  den  Zuschauer  wirklichen  Menschenschicksals  geneigt,
dasselbe  im  Licht  eines  lebendigen  Dramas  anzusehen.
Der  Reiz  des  historischen  Dramas  liegt  in  dem  Räthsel
seiner  Verkettung.  Weil  es  von  vorneherein  feststeht,  dass  die
ganze  Ursache  des  Glückswechsels  in  der  That  des  Helden  enthalten ­
  sei,  so  besteht  das  vom  Zuschauer  und  Helden  (insofern ­
  dieser  sein  eigener  Zuschauer  ist)  zu  lösende  Problem  in
der  durchdringenden  Erkenntniss  des  causalen  (nicht  des
ethischen)  Zusammenhanges.  Wird  sie  beiden  zu  leicht  gemacht,
so  fehlt  der  Sporn;  wird  sie  beiden  zu  schwer  gemacht,  so
erlahmt  die  Kraft.  Die  rechte  Mitte  zu  treffen,  welche  zugleich ­
  anspornt  und  befriedigt,  ist  die  Kunst  des  Dramatikers.
Das  religiöse  Drama  setzt  das  Gewissen  in  Spannung,
das  geschichtliche  den  Verstand.  Jenes  geht  von  der  Basis
aus,  dass  es  nur  mit  gerechten,  dieser  davon,  dass  es  nur  mit
recht  en  Dingen  zugehen  könne  in  der  Welt.  Jenes  wird
durch  die  sichtbare  Ungerechtigkeit  des  Glückswechsels  auf
die  Annahme  überweltlicher  Mächte  geführt;  dieses  durch  die
Unmöglichkeit,  den  causalen  Verlauf  der  sichtbaren  Ereignisse
            
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