212
2 immer m anü.
ein Tempel geweiht werde. Die eigentliche Frage: ,Fatum oder
Nemesis?' bleibt hier selbst am Schlüsse ungelöst; nur die
untergeordnete der Neugier, was Orestes’ Schicksal sein werde,
erhält eine tröstliche Antwort; die Tragödie des Aeschylos
lässt ihre Abkunft durchblicken vom fatalistischen Trauerspiel.
In anderer Art schiebt Euripides die Lösung der tragischen
Frage hinaus, um den Beschauer so lang als möglich
nicht zu Athem kommen zu lassen. Die wirkliche Schuld, die
den beiden Iphigenien in Aulis und auf Tauris zu Grunde
liegt, ist so verschwindend klein, so sehr nur in der Ausserachtsetzung
rein äusserlicher Cultusverpflichtungen (Agamemnons
Bruch seines Opfergelübdes; Iphigeniens Bruch ihrer Verpflichtung
als Priesterin, die Fremdlinge zu opfern) gelegen, dass,
nachdem sie offenbar geworden ist, die Frage, ob gerechte
Götter existiren, eher mit Nein als mit Ja beantwortet werden
wird. Aber gerade dieser hart an Verneinung grenzende Zweifel,
dessen Nichtvermeidung an dem ,Götterfeinde' Euripides nichts
Auffälliges hat, und dicht an die Annahme ,ungerechter Götter'
streift, macht, was die Bewegung des Gemüths zu den Affecten
des Mitleids und der Furcht betrifft, seine Dramen zu den
effectvollsten, zu wahren ,Schauerdramen' des Alterthums, und
es begreift sich wohl, dass Aristoteles zwar Sophokles den
grössten Tragiker, den Euripides aber den tragischesten'genannt
hat.
Wie im fatalistischen Schauspiel die launische, so herrscht
im moralischen die gerechte Beglückung. Im versöhnenden
Schauspiel löst der Schein bloss launischer, in jenen gerechter
Bevorzugung sich auf. Der Günstling des Glückes zeigt sich
,besser als sein Ruf' und versöhnt mit seinem Glücke. Das
fatalistische Lustspiel und die launenhafte Glücksposse weisen
den Zufall jenes als Plaggeist, diese als Glücksnummer auf;
das moralische Lustspiel und die moralische Posse machen
sich über die ,dumme' Gerechtigkeit lustig. Soll die versöhnende
Wirkung eintreten, so muss offenbar werden, dass
die augenscheinlich ,dumme' nicht die wahre Gerechtigkeit,
der als ,Plaggeist' und als ,Glücksnummer' auftretende Zufall
nur die ,verkleidete' Gerechtigkeit sei. Die satirische Komödie
reisst direct oder indirect der anscheinenden Gerechtigkeit die