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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

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2  immer  m  anü.

ein  Tempel  geweiht  werde.  Die  eigentliche  Frage:  ,Fatum  oder
Nemesis?'  bleibt  hier  selbst  am  Schlüsse  ungelöst;  nur  die
untergeordnete  der  Neugier,  was  Orestes’  Schicksal  sein  werde,
erhält  eine  tröstliche  Antwort;  die  Tragödie  des  Aeschylos
lässt  ihre  Abkunft  durchblicken  vom  fatalistischen  Trauerspiel.
In  anderer  Art  schiebt  Euripides  die  Lösung  der  tragischen ­
  Frage  hinaus,  um  den  Beschauer  so  lang  als  möglich
nicht  zu  Athem  kommen  zu  lassen.  Die  wirkliche  Schuld,  die
den  beiden  Iphigenien  in  Aulis  und  auf  Tauris  zu  Grunde
liegt,  ist  so  verschwindend  klein,  so  sehr  nur  in  der  Ausserachtsetzung
  rein  äusserlicher  Cultusverpflichtungen  (Agamemnons
Bruch  seines  Opfergelübdes;  Iphigeniens  Bruch  ihrer  Verpflichtung ­
  als  Priesterin,  die  Fremdlinge  zu  opfern)  gelegen,  dass,
nachdem  sie  offenbar  geworden  ist,  die  Frage,  ob  gerechte
Götter  existiren,  eher  mit  Nein  als  mit  Ja  beantwortet  werden
wird.  Aber  gerade  dieser  hart  an  Verneinung  grenzende  Zweifel,
dessen  Nichtvermeidung  an  dem  ,Götterfeinde'  Euripides  nichts
Auffälliges  hat,  und  dicht  an  die  Annahme  ,ungerechter  Götter'
streift,  macht,  was  die  Bewegung  des  Gemüths  zu  den  Affecten
des  Mitleids  und  der  Furcht  betrifft,  seine  Dramen  zu  den
effectvollsten,  zu  wahren  ,Schauerdramen'  des  Alterthums,  und
es  begreift  sich  wohl,  dass  Aristoteles  zwar  Sophokles  den
grössten  Tragiker,  den  Euripides  aber  den  tragischesten'genannt ­
  hat.
Wie  im  fatalistischen  Schauspiel  die  launische,  so  herrscht
im  moralischen  die  gerechte  Beglückung.  Im  versöhnenden
Schauspiel  löst  der  Schein  bloss  launischer,  in  jenen  gerechter
Bevorzugung  sich  auf.  Der  Günstling  des  Glückes  zeigt  sich
,besser  als  sein  Ruf'  und  versöhnt  mit  seinem  Glücke.  Das
fatalistische  Lustspiel  und  die  launenhafte  Glücksposse  weisen
den  Zufall  jenes  als  Plaggeist,  diese  als  Glücksnummer  auf;
das  moralische  Lustspiel  und  die  moralische  Posse  machen
sich  über  die  ,dumme'  Gerechtigkeit  lustig.  Soll  die  versöhnende ­
  Wirkung  eintreten,  so  muss  offenbar  werden,  dass
die  augenscheinlich  ,dumme'  nicht  die  wahre  Gerechtigkeit,
der  als  ,Plaggeist'  und  als  ,Glücksnummer'  auftretende  Zufall
nur  die  ,verkleidete'  Gerechtigkeit  sei.  Die  satirische  Komödie
reisst  direct  oder  indirect  der  anscheinenden  Gerechtigkeit  die
            
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