Glaube und Geschichte im Lichte des Dramas.
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scheint schuldlos, so lange wir nur das ihm gesetzte Verhängniss
und seine redliche Bemühung, die Erfüllung des
Orakelspruches unmöglich zu machen, indem er sich freiwillig
von Korinth, seiner vermeintlichen Vaterstadt, verbannt, im
Auge haben; er erscheint als schuldig, wenn sein vermessenes,
durch die glückliche Lösung des Sphinxräthsels gehobenes
Selbstvertrauen auf seinen unfehlbaren ,Menschenwitz* gegenüber
der Stimme des Gottes offenbar wird.
Die Spannung der antiken Tragödie unterscheidet sich
von jener des satanischen Trauerspiels dadurch, dass in diesem
ein launischer, von jener des Trauerspiels der Sühne dadurch,
dass in diesem ein gerechter Gott von vorneherein die Voraussetzung
bildet. Von jenem weiss der Zuschauer nie, was er
zu erwarten hat; von diesem weiss er stets, dass er den
Schuldigen treffen wird. In der antiken Tragödie dagegen
bleibt es bis zuletzt ungewiss, ob der lenkende Gott selbst ein
launischer oder ein gerechter sei, und erst der Ausspruch am
Schlüsse entscheidet für das letztere. Die Spannung des Zuschauers
gilt nicht sowohl dem Loose, das den Helden, als dem,
was ihm selbst bereitet wird, je nachdem die Entscheidung
des tragischen Processes für oder gegen die Existenz gerechter
Vergeltungsmacht ausfällt. Das Interesse der antiken Tragödie
ist in erster Reihe ein religiöses: ,Fatum oder Nemesis?*
Diese Spannung wächst, je mehr und je länger der Zuschauer
selbst über Schuld oder Unschuld des Leidenden in
der Schwebe erhalten wird. Den höchsten Grad muss sie erreichen,
wenn ihm die eigene Ungewissheit im Drama selbst
durch die sichtbare Unentschiedenheit freiwilliger oder gar ausdrücklich
bestellter Richter zurückgespiegelt wird. In den
Eumeniden des Aeschylos sah das athenische Volk seinen
eigenen höchsten Gerichtshof, den Areopag, auf der Bühne
über Schuld oder Unschuld des angeklagten Vaterrächers und
Muttermörders mit gleich getheilten Stimmen zu Gericht sitzen.
Göttliche Mächte verfolgen, ein Gott vertheidigt ihn. Nachdem
alle Mittel menschlicher Gerechtigkeitspflege erschöpft sind,
entscheidet die Schutzgöttin der Stadt mit einem weissen Stein
für ihn, ordnet aber zugleich an, dass den Mächten, die ihn
verfolgt haben, gleichsam als Ersatz für das entgangene Opfer
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