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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Lichte  des  Dramas.

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scheint  schuldlos,  so  lange  wir  nur  das  ihm  gesetzte  Verhängniss
  und  seine  redliche  Bemühung,  die  Erfüllung  des
Orakelspruches  unmöglich  zu  machen,  indem  er  sich  freiwillig
von  Korinth,  seiner  vermeintlichen  Vaterstadt,  verbannt,  im
Auge  haben;  er  erscheint  als  schuldig,  wenn  sein  vermessenes, ­
  durch  die  glückliche  Lösung  des  Sphinxräthsels  gehobenes
Selbstvertrauen  auf  seinen  unfehlbaren  ,Menschenwitz*  gegenüber ­
  der  Stimme  des  Gottes  offenbar  wird.
Die  Spannung  der  antiken  Tragödie  unterscheidet  sich
von  jener  des  satanischen  Trauerspiels  dadurch,  dass  in  diesem
ein  launischer,  von  jener  des  Trauerspiels  der  Sühne  dadurch,
dass  in  diesem  ein  gerechter  Gott  von  vorneherein  die  Voraussetzung ­
  bildet.  Von  jenem  weiss  der  Zuschauer  nie,  was  er
zu  erwarten  hat;  von  diesem  weiss  er  stets,  dass  er  den
Schuldigen  treffen  wird.  In  der  antiken  Tragödie  dagegen
bleibt  es  bis  zuletzt  ungewiss,  ob  der  lenkende  Gott  selbst  ein
launischer  oder  ein  gerechter  sei,  und  erst  der  Ausspruch  am
Schlüsse  entscheidet  für  das  letztere.  Die  Spannung  des  Zuschauers ­
  gilt  nicht  sowohl  dem  Loose,  das  den  Helden,  als  dem,
was  ihm  selbst  bereitet  wird,  je  nachdem  die  Entscheidung
des  tragischen  Processes  für  oder  gegen  die  Existenz  gerechter
Vergeltungsmacht  ausfällt.  Das  Interesse  der  antiken  Tragödie
ist  in  erster  Reihe  ein  religiöses:  ,Fatum  oder  Nemesis?*
Diese  Spannung  wächst,  je  mehr  und  je  länger  der  Zuschauer ­
  selbst  über  Schuld  oder  Unschuld  des  Leidenden  in
der  Schwebe  erhalten  wird.  Den  höchsten  Grad  muss  sie  erreichen, ­
  wenn  ihm  die  eigene  Ungewissheit  im  Drama  selbst
durch  die  sichtbare  Unentschiedenheit  freiwilliger  oder  gar  ausdrücklich ­
  bestellter  Richter  zurückgespiegelt  wird.  In  den
Eumeniden  des  Aeschylos  sah  das  athenische  Volk  seinen
eigenen  höchsten  Gerichtshof,  den  Areopag,  auf  der  Bühne
über  Schuld  oder  Unschuld  des  angeklagten  Vaterrächers  und
Muttermörders  mit  gleich  getheilten  Stimmen  zu  Gericht  sitzen.
Göttliche  Mächte  verfolgen,  ein  Gott  vertheidigt  ihn.  Nachdem
alle  Mittel  menschlicher  Gerechtigkeitspflege  erschöpft  sind,
entscheidet  die  Schutzgöttin  der  Stadt  mit  einem  weissen  Stein
für  ihn,  ordnet  aber  zugleich  an,  dass  den  Mächten,  die  ihn
verfolgt  haben,  gleichsam  als  Ersatz  für  das  entgangene  Opfer
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