208
Z immermann.
Zwei Classen von Wesen lassen sieh bei den ,aushelfenden'
Mächten unterscheiden: solche, welche von ethischen
(sittlichen oder unsittlichen) Motiven bewegt, oder nur von
Willkür geleitet sind. Letztere mögen dämonische, erstere gute
und böse Geister heissen. Jene bestimmen den Glückswechsel
nach Laune, diese nach sittlichem Verdienst; aber so, dass
die guten das dem sittlichen Werthe entsprechende, die bösen
das demselben entgegengesetzte Loos über den Sterblichen verhängen.
Die launische Glücksgöttin, der neckende Kobold spielen
mit dem Schicksal Fortunats oder Unsterns; der gerechte Gott
straft den Verbrecher und belohnt den Tugendhaften; der ungerechte
neidvolle Gott schmiedet den wohlthätigen Lichtbringer
an den Felsen des Kaukasus und hilft als ,Fürst dieser Welt'
seinen Knechten zu Macht und weltlicher Ehre. Jenes lässt
sich als fatalistisches, letztere zwei lassen sich als moralisches
(Sühnungs-) und satanisches Drama bezeichnen.
Jener Gattung gehört das Trauerspiel schuldlosen Elends, wie
das Lustspiel des Zufalls, das Schauspiel grundloser Gunst wie
die Posse des Glückstopfs an. Was kann vom moralischen
Gesichtspunkt aus betrachtet empörender, vom offecthaschenden
aus angesehen wirkungsvoller sein, als das Trauerspiel grundloser
Verdammung, das jeden (Schuldigen wie Unschuldigen)
bangen, und das Schauspiel ebenso grundloser Begnadigung,
das jeden (Unschuldigen wie Schuldigen) hoffen macht? Die
Iphigenie des Euripides, die dem Zorn der Artemis geopfert
wird, weil ihr Vater sich gerühmt hat, besser mit dem Bogen
zu schiessen, als diese, und der Mönch Theophilus, dem die
Jungfrau seinen besiegelten Pakt mit dem Teufel wiedergibt,
weil er ein Ave-Maria gebetet hat, stehen hart an dieser
Grenze.
Aber auch wo der reine Zufall Unschuldige wie Schuldige
ohne Unterschied, wenn auch nur mit eingebildetem Unglück
plagt, oder das blinde Glück Verdienstlose wie Verdienstvolle
ohne solchen, wenn auch nur mit weltlichem Glück
überhäuft, fühlen wir uns angewidert von moralischer, wenngleich
von Schadenfreude und Neid pikant gekitzelt von gemüthlicher
Seite. Das fatalistische Drama hat vor dem moralischen
den weiteren Umfang des betheiligten Publieums voraus;
denn da es gegen Schuld und Unschuld sich gleichgiltig ve r "