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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Lichte  des  Dramas.

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begreifliche  sein;  wenn  sie  nur  das  im  Drama  allein  unerlaubte
Unbegreifliche,  das  Wunder  des  Glückswechsels,  begreiflich
machen.  Dieses  Wunder  zu  beseitigen  sind  selbst  Wunder  gut;
immerhin  mögen  theologische  oder  metaphysische  Räthsel  die
Stolle  des  gelösten  dramatischen  einnehmen.  Das  religiöse
Drama  schliesst  weder  dämonische  noch  gute  und  böse  Mächte
aus,  wenn  sie  nur  so  beschaffen  sind,  dass  der  sichtbare
Glückswechsel  durch  ihre  Annahme  begreiflich  wird.  Dass
dieselben  nicht  anders  als  persönlich  eingeführt  werden  dürfen,
versteht  sich  nach  dem  über  die  Auflösung  der  Handlung  in
Handelnde  Gesagten,  dass  sie  als  Mithandelnde  wo  möglich
sichtbar  vorgeführt  werden  sollen,  ergibt  sich  aus  der  Natur
des  für  die  Anschauung  bestimmten  Dramas  von  selbst.  Wo
es  das  räthselhafte  Dunkel  des  Steigens  und  Sinkens  der
Glücksscala  durch  die  Herbeizielmng  höherer  freundlicher  und
feindlicher,  hilfreicher  und  boshafter  Mächte  zu  lichten  gilt,
ist  der  gestaltenschaffcnden  Phantasie  des  religiös-dramatischen
Dichters  ein  grenzenloser  Spielraum  eröffnet.  Olymp  und  Tartarus, ­
  das  Reich  des  Ahura-Mazdao  und  Ahrimans,  Himmel
und  Hölle  des  Christenthums  stellen  ihre  Götter-  und  Geisterbevölkerung ­
  zur  Verfügung  des  Dichters;  die  Gräber  geben
ihre  Todten  zurück  und  die  leblose  Natur  verwandelt  sich  in
eine  Nymphen-,  Elfen-,  Nixen-  und  Zwergenwelt.
Auf  den  Dichter  kommt  es  an,  ob  er  die  ,dunkeln'
Mächte  erfinden,  oder  von  den  in  den  religiösen  Glaubenskreisen ­
  der  Völker  enthaltenen  wählen  will.  Es  bedarf  keines
Scharfsinns,  um  einzusehen,  dass  er  unter  gleichen  Umständen
mit  der  Mythologie  jenes  religiösen  Bekenntnisses,  dem  seine
voraussichtlichen  Beschauer  angehören,  sich  begnügen  wird.
Eine  Vermengung  antiker  und  christlicher  Geisterwelt,  wie
Goethe’s  Faust,  persischer  und  christlicher  Hölle,  wie  Byrons
Manfred  zeigt,  lassen  sich  ästhetisch  nicht  gutheissen.  Sollen
,auswärtige'  Mächte  ,Erdenbändel'  schlichten,  so  empfehlen  sich
solche,  die  dem  Beschauer  geläufig  sind.  Der  religiöse  Glaube
an  Götter  und  Geister,  an  Engel  und  Teufel,  an  Gott  und
Satan  kommt  dem  religiösen  Dramatiker  entgegen;  die  Schwierigkeit ­
  eines  Dramas,  das  unserer  heutigen  Naturauffassung
entspricht,  ruht  meist  auf  dem  Mangel  einer  modernen  Mythologie. ­

            
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