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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Liclite  des  Dramas.

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berichtet,  so  springt  dessen  Unglaubwürdigkeit  nicht  entfernt
in  die  Augen,  wie  wenn  wir  Geschehenes  als  geschehend  vor
uns  sehen.  Daher  hat  das  Unglaubliche,  unsere  Fassungskraft
Uebersteigende,  das  Uebernatürliohe  und  das  Wunder  im  Epos
viel  mehr  als  im  Drama  seinen  Platz.  Die  Autorität  des
Erzählers  hilft  über  den  historischen,  die  Anschauung  des
Geschehens  aber  nicht  über  den  philosophischen  Zweifel  hinweg. ­
  Jene,  wenn  sie  wie  bei  religiösen  Ueberlieferungen  hinreichend ­
  gesteigert  ist,  hält  auch  dem  Einwand  der  Logik
gegenüber  Stich;  das  Vertrauen  in  den  Schluss  von  der  Tliatsache
  der  Auf-  auf  jene  der  Auseinanderfolge  der  dargestellten
Begebenheiten  wird  durch  den  inneren  Widerspruch  dieser
letzteren  vernichtet.  Das  als  vergangen  Berichtete  kann  übrigens ­
  unbegreiflich,  das  gegenwärtig  Geschehende  muss  als
solches  begreiflich  sein.
Jede  Begebenheit  und  noch  viel  mehr  jede  Begebenheitsreihe ­
  schliesst  ein  Anderswerden  in  sich,  jede  Begebenheit,
die  einem  fühlenden  Wesen,  wie  der  Mensch  ist,  widerfährt,
einen  Wechsel  seines  Beiindens.  Indem  die  dramatische  Dichtungsform ­
  dergleichen  als  geschehend  zur  Darstellung  bringt,
stellt  sie  einen  Glückswechsel,  vom  Besseren  zum  Schlimmeren
oder  umgekehrt,  als  sich  eben  vollziehend  dar.  Derselbe  kann
auch  den  Inhalt  epischer  Darstellung  bilden;  da  aber  diese
Geschehenes  als  geschehen  erzählt,  so  ist  vor  Beginn  der  Erzählung ­
  das  Erzählte  schon  abgeschlossen.  Nicht  nur  der  Erzähler ­
  kennt  dasselbe  ganz,  sondern  auch  der  Zuhörer  weiss
im  Voraus,  dass  au  dem  Geschehenen  längst  nichts  mehr  zu
ändern  ist.  Die  erweckte  Erwartung  ist  subjoctiv,  nicht  objectiv;
nicht:  was  wird  geschehen?  sondern:  was  werde  ich  hören?
Beim  Beginn  des  Dramas  ist  noch  nichts  geschehen;  das  Kommende ­
  liegt  in  der  Zukunft  und  entwickelt  sich  vor  den  Augen;
die  erregte  Erwartung  ist  objectiv,  nicht  subjectiv;  nicht:  was
werde  ich  hören?  sondern:  was  wird  geschehen?  Die  dramatische ­
  Spannung  ist  eine  ganz  andere  als  die  epische;  diese
ist  mehr  der  Neugierde,  jene  der  Wissbegierde  verwandt.  Die
Erwartung  des  Hörers  läuft  an  der  Zeitlinie  fort;  die  des
dramatischen  Zuschauers  au  der  Kette  von  Ursachen  und  Wirkungen; ­
  jene  macht  nur  den  Schluss,  dass,  diese  sagt  sich
vorher,  was  Neues  bevorstehe.
            
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