Glaube und Geschichte im Liclite des Dramas.
199
berichtet, so springt dessen Unglaubwürdigkeit nicht entfernt
in die Augen, wie wenn wir Geschehenes als geschehend vor
uns sehen. Daher hat das Unglaubliche, unsere Fassungskraft
Uebersteigende, das Uebernatürliohe und das Wunder im Epos
viel mehr als im Drama seinen Platz. Die Autorität des
Erzählers hilft über den historischen, die Anschauung des
Geschehens aber nicht über den philosophischen Zweifel hinweg.
Jene, wenn sie wie bei religiösen Ueberlieferungen hinreichend
gesteigert ist, hält auch dem Einwand der Logik
gegenüber Stich; das Vertrauen in den Schluss von der Tliatsache
der Auf- auf jene der Auseinanderfolge der dargestellten
Begebenheiten wird durch den inneren Widerspruch dieser
letzteren vernichtet. Das als vergangen Berichtete kann übrigens
unbegreiflich, das gegenwärtig Geschehende muss als
solches begreiflich sein.
Jede Begebenheit und noch viel mehr jede Begebenheitsreihe
schliesst ein Anderswerden in sich, jede Begebenheit,
die einem fühlenden Wesen, wie der Mensch ist, widerfährt,
einen Wechsel seines Beiindens. Indem die dramatische Dichtungsform
dergleichen als geschehend zur Darstellung bringt,
stellt sie einen Glückswechsel, vom Besseren zum Schlimmeren
oder umgekehrt, als sich eben vollziehend dar. Derselbe kann
auch den Inhalt epischer Darstellung bilden; da aber diese
Geschehenes als geschehen erzählt, so ist vor Beginn der Erzählung
das Erzählte schon abgeschlossen. Nicht nur der Erzähler
kennt dasselbe ganz, sondern auch der Zuhörer weiss
im Voraus, dass au dem Geschehenen längst nichts mehr zu
ändern ist. Die erweckte Erwartung ist subjoctiv, nicht objectiv;
nicht: was wird geschehen? sondern: was werde ich hören?
Beim Beginn des Dramas ist noch nichts geschehen; das Kommende
liegt in der Zukunft und entwickelt sich vor den Augen;
die erregte Erwartung ist objectiv, nicht subjectiv; nicht: was
werde ich hören? sondern: was wird geschehen? Die dramatische
Spannung ist eine ganz andere als die epische; diese
ist mehr der Neugierde, jene der Wissbegierde verwandt. Die
Erwartung des Hörers läuft an der Zeitlinie fort; die des
dramatischen Zuschauers au der Kette von Ursachen und Wirkungen;
jene macht nur den Schluss, dass, diese sagt sich
vorher, was Neues bevorstehe.