Glaube und Geschichte im Lichte des Dramas.
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der Kunst handgreiflich vor Augen, ohne dass er wie der Historiker
der Schöpfung in die Tiefen des Meeres hinabzusteigen
nöthig hat, um in dem Klümpchen Urschleims den durch die
breite unausgefüllte Kluft, die ihn von seinen Urenkeln trennt,
unkenntlich gewordenen Stammvater der gegenwärtigen ihm
so unähnlichen Organismen zu entdecken. Was im Process
natürlicher Zuchtwahl bewusstlos, das vollzieht im Process
geistiger Befruchtung, aus dem eine neue Kunstgattung hervorgeht,
sich bewusst. Wie dort das. schönste und kräftigste
Männchen am eifrigsten umworben der zahlreichsten Nachkommenschaft
sich rühmt, und einem ganzen Geschlecht seinen
Stempel aufprägt, so ruft diejenige geistige Schöpfung, die
sich des weitreichendsten Beifalls erfreut, die zahlreichste
Nachahmerschaft hervor und legt den Grund einer künstlerischen
Gattung. So sehen wir auch in unseren Tagen fortwährend,
wenn nicht neue Hauptarten von Kunstwerken, doch neue
Varietäten vorhandener entstehen, die so wie die analogen der
organischen Wesen, nur deshalb weniger auffällig wirken, weil
sie die einmal längst festgewordenen Grenzen der geschichtlichen
Hauptgattungen so wenig überschreiten', wie diese die
gleichfalls längst fixirten Sonderungen der naturgeschichtlichen
Hauptreiche, Classen und Ordnungen. Der historische Roman
ist eine Erfindung Walter Scotts wie die Gattung der Ehebruchsromane
eine der neuesten Franzosen; das historische
Lustspiel hat Scribe, die Dorfgeschichte Immermanns ,Oberhof‘
aufgebracht; die ursprünglich vereinzelten Schöpfungen
sind durch Vererbung auf ihre Nachahmer Ahnherren neuer
Arten von Dichtungen geworden.
Ich habe nicht die Absicht, bei der Betrachtung der
dramatischen Gattungen diesen Weg zu gehen, den man den
physiologischen nennen kann; ich habe vor, den umgekehrten,
den logischen, einzuschlagen. Wie es vergebens sein würde,
die möglichen Varietäten Vorhersagen zu wollen, die sich durch
die unübersehbaren Abänderungen äusserer Verhältnisse aus
einem vorhandenen Thier- oder Pflanzentypus entwickeln und
unter der gleichfalls unberechenbaren Gunst äusserer Umstände
eine Zeit lang erhalten können, so fruchtlose Mühe
wäre es, alle künftigen Varietäten, welche ein gegenwärtiger
typischer Kunst- oder Dichtungsorganismus unter der Einwir-13*