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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 85. Band, (Jahrgang 1877)

Glaube  und  Geschichte  im  Lichte  des  Dramas.

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der  Kunst  handgreiflich  vor  Augen,  ohne  dass  er  wie  der  Historiker ­
  der  Schöpfung  in  die  Tiefen  des  Meeres  hinabzusteigen
nöthig  hat,  um  in  dem  Klümpchen  Urschleims  den  durch  die
breite  unausgefüllte  Kluft,  die  ihn  von  seinen  Urenkeln  trennt,
unkenntlich  gewordenen  Stammvater  der  gegenwärtigen  ihm
so  unähnlichen  Organismen  zu  entdecken.  Was  im  Process
natürlicher  Zuchtwahl  bewusstlos,  das  vollzieht  im  Process
geistiger  Befruchtung,  aus  dem  eine  neue  Kunstgattung  hervorgeht, ­
  sich  bewusst.  Wie  dort  das.  schönste  und  kräftigste
Männchen  am  eifrigsten  umworben  der  zahlreichsten  Nachkommenschaft ­
  sich  rühmt,  und  einem  ganzen  Geschlecht  seinen
Stempel  aufprägt,  so  ruft  diejenige  geistige  Schöpfung,  die
sich  des  weitreichendsten  Beifalls  erfreut,  die  zahlreichste
Nachahmerschaft  hervor  und  legt  den  Grund  einer  künstlerischen
Gattung.  So  sehen  wir  auch  in  unseren  Tagen  fortwährend,
wenn  nicht  neue  Hauptarten  von  Kunstwerken,  doch  neue
Varietäten  vorhandener  entstehen,  die  so  wie  die  analogen  der
organischen  Wesen,  nur  deshalb  weniger  auffällig  wirken,  weil
sie  die  einmal  längst  festgewordenen  Grenzen  der  geschichtlichen ­
  Hauptgattungen  so  wenig  überschreiten',  wie  diese  die
gleichfalls  längst  fixirten  Sonderungen  der  naturgeschichtlichen
Hauptreiche,  Classen  und  Ordnungen.  Der  historische  Roman
ist  eine  Erfindung  Walter  Scotts  wie  die  Gattung  der  Ehebruchsromane ­
  eine  der  neuesten  Franzosen;  das  historische
Lustspiel  hat  Scribe,  die  Dorfgeschichte  Immermanns  ,Oberhof‘
  aufgebracht;  die  ursprünglich  vereinzelten  Schöpfungen
sind  durch  Vererbung  auf  ihre  Nachahmer  Ahnherren  neuer
Arten  von  Dichtungen  geworden.
Ich  habe  nicht  die  Absicht,  bei  der  Betrachtung  der
dramatischen  Gattungen  diesen  Weg  zu  gehen,  den  man  den
physiologischen  nennen  kann;  ich  habe  vor,  den  umgekehrten,
den  logischen,  einzuschlagen.  Wie  es  vergebens  sein  würde,
die  möglichen  Varietäten  Vorhersagen  zu  wollen,  die  sich  durch
die  unübersehbaren  Abänderungen  äusserer  Verhältnisse  aus
einem  vorhandenen  Thier-  oder  Pflanzentypus  entwickeln  und
unter  der  gleichfalls  unberechenbaren  Gunst  äusserer  Umstände ­
  eine  Zeit  lang  erhalten  können,  so  fruchtlose  Mühe
wäre  es,  alle  künftigen  Varietäten,  welche  ein  gegenwärtiger
typischer  Kunst-  oder  Dichtungsorganismus  unter  der  Einwir-13*

            
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