Perioden,in Herbart’s philosophischem Geistesgang.
231
niemandem einfallen. — Einfallen, der Perfektibilität, Güte und
Schönheit des Nicht-Ich oder dessen Wirksamkeit auf das Ich
Schranken setzen zu wollen. Soll aber diese nothwendige
Wechselwirkung ewig, so muss sie auch unendlich seyn, und
von einem menschlichen Geist können ihr nie, am wenigsten
izt schon Gränzen vorgeschrieben, ein unübertreffliches Ideal
gegeben werden. Und eine solche Beschränkung und Hemmung
der ewigen Wechselwirkung wäre doch jedes moralische oder
ästhetische Ideal, das mir also auch in diesem Fall ganz unzulässig
scheint. — Weg mit den Idealen!
Nein. — Vielmehr sei unser ganzes Bestreben nur — abgesondert
von aller Empirie und den Eindrücken der Jugend,
die reine Form, den ursprünglichen Gehalt unseres
Wesens, und dessen offene Empfänglichkeit für alles ihm homogene,
für alles acht Gute und Schöne, in uns herzustellen —
und so hinzutreten in die Sinnenwelt, in die moralische Welt
um zu geben und zu empfangen, aufzunehmen und zu verwerfen.
Unaufhörlich wird durch diese Wechselwirkung das
Ich fortschreiten, edler sein Gehalt, schöner seine Form werden,
grösser sein Bedürfniss nach Güte und Schönheit, grösser die
Menge heterogenen, grösser die des homogenen Stoffs. Zu unerreichbar
scheinenden Höhen, — zu izt noch undenkbar feinen
Genüssen wird unser stets erhöhtes Gefühl uns leiten. Die
jedesmalige höchste Stufe des moralischen und ästhetischen
Gefühls, und nur die, kann man vielleicht Ideal nennen. Eine
höhere folgt dieser vorhin höchsten Stufe, und so ist in ewigem
Wechsel und Fortschreiten auch das Ideal. Nur als Gemälde,
als Darstellung der höchsten Stufe dieses Moments kann
jedes Vernunftideal von Moral und Schönheit gelten; denn von
unerreichbar hohen Idealen kann nicht die Rede seyn — die
gibt es nicht. — Was ich hingestellt habe, das habe und bin
ich selbst, ich mag es üben können oder nicht. Mein reines
Ich wird es immer realisiren können, und hat es, indem es
dasselbe aufstellte. — Das an mir, was es nicht realisiren konnte,
was zu schwach und lahm ist, bin nicht Ich — ist das Ihier
an mir — mein Nicht-Ich!
Rist.