Perioden in Herbart’s philosophischem Geistes gang.
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Der ästhetische Trieb äussert sich vor dem moralischen,
denn er beruht zunächst auf der Sinnlichkeit. Unbewusst desselben,
fühlt das Kind anfangs nur die Triebe der gröbsten
Sinnlichkeit: bald wird es sich, aber nur dunkel, einer Form
bewusst, denn mehr hat es noch nicht als Form, weil es sich
den Gehalt noch nicht selbst gegeben. Später erst wird sich
der Mensch erst seines Gehalts undeutlich bewusst. Beide werden
durch Umstände in ihm modificirt. Der Gehalttrieb durch positive
Belehrung und Erziehung — der Formtrieb durch umgebende
Gegenstände, Sinnlichkeit, Mode. — So kömmt es, dass
bei grossen, unter ungefähr ähnlichen Umständen, mit ähnlichen
Gegenständen aufgewachsenen Menschenklassen, oft eine gewisse
Gleichheit in Rücksicht auf moralische und ästhetische
Gefühle herrscht; ja zuweilen sogar die Resultate häufiger Eindrücke
bei ihnen zu Grundsätzen geworden sind. Viel zu viel
Ehre aber thut man diesen klaren und baaren Empirikern an,
wenn man ihr Gefühl das reine, natürliche Gefühl für das Gute
und Schöne nennt. — Um zu beweisen, dass es ganz von umgebenden
Umständen und unvermeidlichen Eindrücken herrührt,
verweise man nur auf das eben so reine und natürliche Gefühl
mancher wilder und zahmer Völker, der Neuholländer und der
Chinesen, von denen die ersten schwarze Zähne und durchbohrte
Lippen, die letzteren spitze Köpfe und kahle Scheitel
für schön, und von denen die erstem Menschen tödten und ihr
Fleisch fressen für löblich, und letztere das Stehlen nicht für
böse halten. — Dieser Leute Gefühl und das unserer Empiriker
ist mir als Modification der Menschheit gleich wichtig; aber
als Norm gleich unzulässig.
Reines und wahres Gefühl also für das Gute und Schöne
dürfen wir unter dieser Menscbenclasse nicht suchen, wenigstens
ist es Zufall, wenn es sich findet, so wie es grösstentheils
dem Zufall überlassen ist, dem reinen und ächten Gefühl eine
ganz verkehrte und falsche Richtung zu geben. — An Ideale
ist hier noch weniger zu denken.
Nächst einer gewissen innern Fülle von Naturkraft oder
vielmehr von Menschheit, müssen wir also von der Theorie
reine Begriffe von unserm Gehalt und unserer Form, und,
wenn es solche gibt, auch Ideale für sie, erwarten. Nur durch
die Theorie kommen wir zum Bewusstseyn, und nur durch