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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 83. Band, (Jahrgang 1876)

Perioden  in  Herbart’s  philosophischem  Geistes  gang.

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Der  ästhetische  Trieb  äussert  sich  vor  dem  moralischen,
denn  er  beruht  zunächst  auf  der  Sinnlichkeit.  Unbewusst  desselben, ­
  fühlt  das  Kind  anfangs  nur  die  Triebe  der  gröbsten
Sinnlichkeit:  bald  wird  es  sich,  aber  nur  dunkel,  einer  Form
bewusst,  denn  mehr  hat  es  noch  nicht  als  Form,  weil  es  sich
den  Gehalt  noch  nicht  selbst  gegeben.  Später  erst  wird  sich
der  Mensch  erst  seines  Gehalts  undeutlich  bewusst.  Beide  werden
durch  Umstände  in  ihm  modificirt.  Der  Gehalttrieb  durch  positive ­
  Belehrung  und  Erziehung  —  der  Formtrieb  durch  umgebende ­
  Gegenstände,  Sinnlichkeit,  Mode.  —  So  kömmt  es,  dass
bei  grossen,  unter  ungefähr  ähnlichen  Umständen,  mit  ähnlichen
Gegenständen  aufgewachsenen  Menschenklassen,  oft  eine  gewisse ­
  Gleichheit  in  Rücksicht  auf  moralische  und  ästhetische
Gefühle  herrscht;  ja  zuweilen  sogar  die  Resultate  häufiger  Eindrücke ­
  bei  ihnen  zu  Grundsätzen  geworden  sind.  Viel  zu  viel
Ehre  aber  thut  man  diesen  klaren  und  baaren  Empirikern  an,
wenn  man  ihr  Gefühl  das  reine,  natürliche  Gefühl  für  das  Gute
und  Schöne  nennt.  —  Um  zu  beweisen,  dass  es  ganz  von  umgebenden ­
  Umständen  und  unvermeidlichen  Eindrücken  herrührt,
verweise  man  nur  auf  das  eben  so  reine  und  natürliche  Gefühl
mancher  wilder  und  zahmer  Völker,  der  Neuholländer  und  der
Chinesen,  von  denen  die  ersten  schwarze  Zähne  und  durchbohrte ­
  Lippen,  die  letzteren  spitze  Köpfe  und  kahle  Scheitel
für  schön,  und  von  denen  die  erstem  Menschen  tödten  und  ihr
Fleisch  fressen  für  löblich,  und  letztere  das  Stehlen  nicht  für
böse  halten.  —  Dieser  Leute  Gefühl  und  das  unserer  Empiriker
ist  mir  als  Modification  der  Menschheit  gleich  wichtig;  aber
als  Norm  gleich  unzulässig.
Reines  und  wahres  Gefühl  also  für  das  Gute  und  Schöne
dürfen  wir  unter  dieser  Menscbenclasse  nicht  suchen,  wenigstens ­
  ist  es  Zufall,  wenn  es  sich  findet,  so  wie  es  grösstentheils
dem  Zufall  überlassen  ist,  dem  reinen  und  ächten  Gefühl  eine
ganz  verkehrte  und  falsche  Richtung  zu  geben.  —  An  Ideale
ist  hier  noch  weniger  zu  denken.
Nächst  einer  gewissen  innern  Fülle  von  Naturkraft  oder
vielmehr  von  Menschheit,  müssen  wir  also  von  der  Theorie
reine  Begriffe  von  unserm  Gehalt  und  unserer  Form,  und,
wenn  es  solche  gibt,  auch  Ideale  für  sie,  erwarten.  Nur  durch
die  Theorie  kommen  wir  zum  Bewusstseyn,  und  nur  durch
            
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