Perioden in Herbart’s philosophischem Geistesgang.
227
BEILAGEN.
1. Ueber moralische und ästhetische Ideale. Mai 1796. Von Rist.
2. J. G. Fichte an Herbart (Jena 1. Januar 1798).
3. Herbart an J. G. Fichte (Bern 24. Mäi-z 1799).
Ueber moralische und ästhetische Ideale.
Ein Versuch.
Mai 1796.
In einem vorigen Versuch, den ich der Gesellschaft mittheilte,
war die Rede einzig und allein von dem Ideal der
Menschheit überhaupt. Ich suchte nur die Frage zu beantworten:
Gibt es ein Bild von der höchsten Vollkommenheit der
Menschheit? Oder wie hat man sich diese etwa anders zu
denken. Nach meinem damaligen Ideengange glaubte ich die
Frage: Gibt es ein bestimmtes Ideal der Menschheit? vornehmen
zu müssen — und glaube es noch. Der Wunsch ist
mir — eine durch Sinnlichkeit in Bewegung g'esetzte und erhaltene
Intelligenz; als solche ist Unendlichkeit sein Wesen
und seine Bestimmung — unendliches Wirken, fürs erste also
auch höchstes praktisches Postulat, — einziges Ideal, für ihn.
Offenbar aber gibt es doch bestimmte Modificationen und
Richtungen dieser ursprünglichen und reinen Thätigkeit, die
ebenso nothwendig scheinen, als sie seihst, — die wir Grundtriebe
nennen. Bis zur Untersuchung von deren praktischer
Bestimmung, und folglich von deren Idealen war ich damals
noch nicht gekommen, glaube aber, dass diese Untersuchung
sich nicht leicht von der ersten trennen lässt, wenn Beide ein
Ganzes bilden sollen.
Ich werde also meine Gedanken auch über diesen Gegenstand,
so wie er ist, erst mittheilen, — ohne aber im geringsten
zu wissen, was Kant, Fichte oder Schiller über denselben geschrieben
haben, und ob ich nicht gegen einen derselben grob
anstossen werde.
lö*