*
Der deutsche Kaiser und der letzte deutsche Papst. 46o
ilm der kurz vorher gestorbene Rafael Sanzio von Urbinö 1 in
der Disputa gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern in der
wunderbaren Milde und Schönheit darstellte, wie er. in Mitte
der Streitenden seine Wundmale zeigt, als wollte er sagen,
bin ich denn nicht für Euch alle gestorben?!
Zwei Welten grunzten nicht bloss in Rom an einander.
Sie gingen, selbst ihre Grenzen verflüchtigend in einander über
und bedurften mehr und mehr einer Scheidung, die christliche
und die heidnische. Da war, was so lange die Grüfte aufbewahrt
und vor der Barbarei durch Verborgenheit sicher gestellt,
einem sinnigen Geschlechte aufgethan worden, das mit
dem gelehrten Verständniss den Sinn für Schönheit verband.
Da wurden auf dem Capitole die herrlichsten Statuen des Alterthums
bewundert, wurde im Pantheon an einem Altäre das
Grab Rafaels von Urbino gebaut, bewunderte man auf dem
Quirinal die Statuen, welche den Namen des Phidias und
Praxiteles trugen, im Belvedere, dessen zwölf Zugänge Adrian
bis auf einen hatte vermauern lassen, den Nil und den Tiber,
den Laocoon mit seinen Knaben, dessen Schönheit den Apollo
und die Venus des Belvedere dem Beschauer in Schatten
stellte. Zu diesen grossartigen Monumenten des Alterthuines,
den zahlreichen und wohlerhaltenen Bogen, dem Colosseum,
das die Herrlichkeit der Kaiserzeit vergegenwärtigte, gesellten
sich dann noch die Reliquien der christlichen Zeit, von welchen
der venetianische Gesandte meinte, wer nicht ein Herz
von Stein besitze, könne sie nicht sehen, ohne im Innersten
erschüttert zu werden. Der Kampf des Christenthums gegen
das Heidenthum hatte aufgehört ein zerstörender zu sein, die
Achtung vor den grossartigen Schöpfungen der dahingeschwundenon
Aera war auf dem Gebiete der Kunst wie der Wissenschaft
durchgedrungen und die Reaction antiker Ideen auf das
Leben und die Denkungsart hatte selbst siegreich, ja überwältigend
begonnen. Da war denn mit dem Pontificat Adrians
ingoferne ein gewisser Stillstand eingetreten, als nicht mehr
die unbedingte Bewunderung, nicht mehr die übertriebene und
einseitige Schätzung der Antike stattfand, sondern die gebieterische
Nothwendigkeit sich geltend machte, das christliche
1 Geat. 6. April 1520.