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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Vorgeschichte  der  Gregorianischen  Kalenderreform.

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Hat  so  Paulus  einmal  dem  Pabste  die  Befugniss  eingeräumt,
  den  Kalender  abzuändern,  so  dehnt  er  im  14.  Buche
dieselbe  im  weitesten  Massstabe  aus.  Er  gesteht  ihm  das  Recht
zu,  Ostern  zum  unbeweglichen  Feste  zu  erklären,  oder  es  nur
vom  Sonnenläufe  abhängig  zu  machen,  d.  h.  einen  bestimmten
Sonntag  für  dasselbe  auszuwählen.  Paulus  aber  räth  davon  ab,
da  es  sich  nicht  gezieme,  das  wieder  anzunehmen,  was  bereits
einmal  zurückgewiesen  wurde,  1  auch  deshalb,  weil  so  auf  den
Charfreitag  eine  Sonnenfinsterniss  fallen  könnte,  was  den  Ungläubigen ­
  Veranlassung  zum  Spott  geben  würde.  Endlich  zieht
er  auch  wieder  das  Fasten  herbei,  von  dem  er  kein  Freund
gewesen  zu  sein  scheint,  und  gibt  zu  bedenken,  dass  in  Folge
des  Zurückweichens  des  Aequinoctium  vernum  Ostern  immer
mehr  in  den  Sommer  hineinkommen  und  dann  das  Fasten  bei
den  langen  Tagen  immer  beschwerlicher  fallen  würde.
So  gibt  denn  Paulus  schliesslich  den  Rath,  dass  Ostern
nach  den  Decreten  der  Kirchenväter,  jedoch  mit  Berücksichtigung ­
  der  veränderten  Umstände  gehalten  werde.
2.  Die  Mahnung  des  Paulus  von  Middelburg  an  Leo  X.
hatte  Erfolg,  denn  der  Pabst  beschloss,  die  Kalenderreform  in
der  zehnten  Sitzung  des  Concils  demselben  vorzulegen  und
verständigte  davon  den  Kaiser  Maximilian  mit  der  Bitte,  Vorschläge ­
  in  dieser  Sache  von  Mathematikern  Deutschlands  an  ihn
gelangen  zu  lassen.  Maximilian  ging  auf  die  Sache  ein,  und
überschickte  von  Innsbruck  aus  den  Brief  des  Pabstes  nach
Wien,  Tübingen  und  Löwen  mit  dem  Befehle,  Vorschläge  über
die  Kalenderverbesserung  sobald  als  möglich  an  ihn  oder  direct
an  das  Lateranensische  Concil  einzuschicken.  2  Der  Brief  des
Kaisers  an  die  Wiener  Universität  ist  datirt  vom  4.  October
1514;  die  zehnte  Sitzung  aber  sollte  schon  am  1.  December
1  Paulus  spielt  liier  wolil  auf  die  Secte  der  Montanisten  an,  welche  Ostern
unabhängig  vom  Frülilingsvollmond  an  einen  bestimmten  Sonntag  a.nsetzten.
  Vergl.  Piper  Geschichte  des  Osterfestes  nach  der  Gregorianischen
Kalenderreform  pag.  75  u.  ff.
2  a)  Brief  des  Kaisers  an  die  Wiener  Mathematiker  Stiborius  und  Tannstetter,
  dat.  Innsbruck  4.  Oct.  1514,  abgedruckt  in  dem  unten  zu  besprechenden ­
  Buche  derselben,  b)  Johannes  Stöffler  (Kalendarium  Romanum
  fol.  31 b )  erzählt,  dass  Briefe  des  Kaisers  und  des  Pabstes  dem
Rector  und  den  Räthen  der  Universität  Tübingen  aufgetragen  hätten,
Propositionen  über  die  Kalenderverbesserung  an  das  Concil  einzuschicken.
            
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