Die Vorgeschichte der Gregorianischen Kalenderreform.
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Hat so Paulus einmal dem Pabste die Befugniss eingeräumt,
den Kalender abzuändern, so dehnt er im 14. Buche
dieselbe im weitesten Massstabe aus. Er gesteht ihm das Recht
zu, Ostern zum unbeweglichen Feste zu erklären, oder es nur
vom Sonnenläufe abhängig zu machen, d. h. einen bestimmten
Sonntag für dasselbe auszuwählen. Paulus aber räth davon ab,
da es sich nicht gezieme, das wieder anzunehmen, was bereits
einmal zurückgewiesen wurde, 1 auch deshalb, weil so auf den
Charfreitag eine Sonnenfinsterniss fallen könnte, was den Ungläubigen
Veranlassung zum Spott geben würde. Endlich zieht
er auch wieder das Fasten herbei, von dem er kein Freund
gewesen zu sein scheint, und gibt zu bedenken, dass in Folge
des Zurückweichens des Aequinoctium vernum Ostern immer
mehr in den Sommer hineinkommen und dann das Fasten bei
den langen Tagen immer beschwerlicher fallen würde.
So gibt denn Paulus schliesslich den Rath, dass Ostern
nach den Decreten der Kirchenväter, jedoch mit Berücksichtigung
der veränderten Umstände gehalten werde.
2. Die Mahnung des Paulus von Middelburg an Leo X.
hatte Erfolg, denn der Pabst beschloss, die Kalenderreform in
der zehnten Sitzung des Concils demselben vorzulegen und
verständigte davon den Kaiser Maximilian mit der Bitte, Vorschläge
in dieser Sache von Mathematikern Deutschlands an ihn
gelangen zu lassen. Maximilian ging auf die Sache ein, und
überschickte von Innsbruck aus den Brief des Pabstes nach
Wien, Tübingen und Löwen mit dem Befehle, Vorschläge über
die Kalenderverbesserung sobald als möglich an ihn oder direct
an das Lateranensische Concil einzuschicken. 2 Der Brief des
Kaisers an die Wiener Universität ist datirt vom 4. October
1514; die zehnte Sitzung aber sollte schon am 1. December
1 Paulus spielt liier wolil auf die Secte der Montanisten an, welche Ostern
unabhängig vom Frülilingsvollmond an einen bestimmten Sonntag a.nsetzten.
Vergl. Piper Geschichte des Osterfestes nach der Gregorianischen
Kalenderreform pag. 75 u. ff.
2 a) Brief des Kaisers an die Wiener Mathematiker Stiborius und Tannstetter,
dat. Innsbruck 4. Oct. 1514, abgedruckt in dem unten zu besprechenden
Buche derselben, b) Johannes Stöffler (Kalendarium Romanum
fol. 31 b ) erzählt, dass Briefe des Kaisers und des Pabstes dem
Rector und den Räthen der Universität Tübingen aufgetragen hätten,
Propositionen über die Kalenderverbesserung an das Concil einzuschicken.