Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Vorgeschichte  der  Gregorianischen  Kalenderreform.

319

die  Neumonde  um  1  Tag  früher  eintreten  als  sie  der  Kalender
angibt.  Dies  hat  nun  die  traurige  Folge,  dass  zum  Aergerniss
der  Gläubigen  in  der  Kirche  Neumond  verkündet  wird,  während
am  Himmel  bereits  die  Mondsichel  erglänzt,  und  dass  das
Osterfest  sehr  häufig  fehlerhaft  gefeiert  wird.  So  wurde  im
gegenwärtigen  Jahre  (1345)  Ostern  um  8  Tage  zu  spät  gefeiert.  1
Deshalb  werden  wir  auch  schon  von  den  Juden  und  Heiden
verspottet  und  wir  laufen  Gefahr,  dass  ein  durch  alle  kirchliche ­
  Autorität  bestätigtes  Wunder  in  seiner  Glaubwürdigkeit
erschüttert  werde.  Sie  meinen  hiemit  die  Sonnenfinsterniss  heim
Tode  Christi,  welche  namentlich  deshalb  wunderbar  gewesen
sei,  weil  eben  Sonne  und  Mond  in  der  Opposition  standen;
jetzt  aber  könne  es  sich  einmal  ereignen,  dass  am  Charfreitag
Conjunction  der  beiden  Gestirne  eintritt  und  damit  sei  dann
die  Möglichkeit  einer  Sonnenfinsterniss  nicht  mehr  ausgeschlossen.
Daher  müssen  die  Numeri  aurei  so  im  Kalender  zurückgerückt
werden,  dass  solchen  Gefahren  ein  für  alle  Mal  vorgebeugt  sei.
Im  dritten  Tractate  geben  die  Verfasser  darüber  ihre  Ansichten ­
  und  Vorschläge  die  theihveise  einen  ziemlich  mechanischen ­
  Charakter  an  sich  tragen.
Die  erste  Art  Hesse  den  Kalender  selbst  ganz  unberührt
und  nur  durch  eine  beigegebene  Tafel  würde  es  ermöglicht
werden,  die  wirklichen  Neumonde  zu  finden.  Sie  erklären,
schon  viele  derartige  Kalender  gesehen  zu  haben,  halten  sie
aber  alle  für  unpraktisch,  da  die  Beibehaltung  von  Stunden
und  Stundentheilen  sich  mit  den  der  Kirche  nöthigen  einfachen
Regeln  nicht  vertrage.  Sie  wollen  daher  Muster  geben,  wie
etwa  solche  Tafeln  einzurichten  wären.  Sie  bringen  deren  drei,
jedes  nur  auf  1  Monat  gestellt.  Die  cyclische  Zählung  lassen  auch
sie  fallen  und  gehen  nach  mittleren  Bewegungen  vor.  Die  beiden
ersten  Muster  unterscheiden  sich  dadurch  von  einander,  dass
das  erste  nur  1  Cyclus,  das  zweite  dagegen  4  Cyclen,  also  einen
grossen  sechsundsiebzigjährigen  Cyclus  umfasst.  Das  dritte  endlich
setzt  die  Tagesepochen  in  den  einzelnen  Jahren  verschieden
an,  d.  h.  im  ersten  Jahre  des  Cyclus  beginnt  der  Tag  mit
1  1345  num.  aur.  XVI.  terrn.  pascli.  21.  März.  In  Wirklichkeit  trat  aber
schon  am  18.  März  lit.  fer.  6.  Vollmond  ein.  Da  der  Sonntagsbuchstahe
B  ist,  so  sollte  am  20.  März  Ostern  gesetzt  werden,  während  die  Kirche
es  erst  am  27.  feierte.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.