304
Kaltenbrunne r.
3. In derselben Zeit, vielleicht früher als Campanus behandelt
unseren Gegenstand ein hochgefeierter Mann seines Jahrhunderts,
der durch seinen Einfluss auf die Entwicklung der
Universität Oxford grosse culturhistorische Bedeutung erlangt
hat. Es ist Robert Grossetesto (Grossetete, Greathead,
nach seinem starken Kopfe auch Capito, im Mittelalter gewöhnlieh
Robertus Lincolniensis genannt), geboren um 1175 zu
Stradbrook in Suffolk, war er lange Zeit Kanzler der Universität
Oxfort und wurde endlich Bischof von Lincoln, gestorben
1253. 1 Unter den zahlreichen Werken, die Tanner (a. a. 0.
pag. 345) von ihm anführt, findet sich auch eines: de computo
ecclesiastico, das mir leider nicht zugänglich war. Tanner
erwähnt, dass es in der Ausgabe der Werke Robert’s Venedig
1514 enthalten sei, das Buch findet sich nicht auf den hiesigen
Bibliotheken; nach Piper dagegen ist der Computus noch ungedruckt;
Handschriften desselben scheinen sehr zahlreich zu
sein, denn Tanner führt allein zehn als in England befindlich
an. Dem Computus war auch ein Kalender beigefügt.
Ich bin nun doch in der Lage, im Allgemeinen die Gesichtspunkte
angeben zu können, die Robert bei der Abfassung
seines Werkes leiteten. Quellen hiefür sind mir einerseits
Notizen und Citate, die spätere Bearbeiter des Stoffes — nämlich
Piere d’Ailly und Herman Zoestius — über das Werk
geben, andererseits die Notitia de calendario Lincolniensis im
Cod. Vindob. 5508 (vergl. Anhang I). -
Den Grund der Fehlerhaftigkeit des Kalenders sieht Robert
in der mangelhaften Ivenntniss der Astronomie in der alten
Kirche und in der Missachtung, die diese von jeher derselben
entgegenbrachte. In Bezug auf das Sonnenjahr folgt er dem
Ptolomäus und sagt, es solle alle 300 Jahre ein Tag ausgelassen
werden, wodurch zugleich der Mondkalender corrigirt
würde. Da ergeben sich nun freilich Widersprüche: wenn
1 Reinhold Pauli: Bischof Grosseteste und Adam von Marsch. Tübinger
Universitätsschriften 1864.
2 Der Codex in Quart, welcher einst ,der Hoch schul zu Wienne* angehörte,
besteht aus drei Theilen, von denen der erste und dritte auf Papier, der
zweite auf Pergament geschrieben ist. In diesem zweiten von zwei Händen
geschriebenen Theile (fol. 182—207) findet sich von Hand B auf
fol. 205 a die Notitia. Die Schrift — sehr flüchtig und mit zahlreichen
Abkürzungen — gehört dem 14. Jahrhundert an.