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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Vorgeschichte  der  Gregorianischen  Kalenderreforra.

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Denn  wir  zählten  in  jedem  Jahre  um  l / 6  Stunde,  daher  in  je
5  Jahren  um  1  Stunde  und  in  5  X  24  d.  i.  in  120  Jahren  um
1  Tag  zu  viel.  Da  nun  bis  zu  seiner  Zeit  1200  Jahre  verflossen ­
  seien,  so  treten  die  Jahrpunkte  jetzt  um  10  Tage  früher
ein  als  zur  Zeit  Christi.
Nachdem  der  Bearbeiter  die  Ausführungen  Chonrads  über
das  Mondjahr  und  dessen  Einfügung  in  das  Sonnenjahr  besprochen ­
  hat,  fährt  er  fort  (fol.  99 b ):  ,Der  Autor  beklagt,  dass
im  Kalender  Neumond  verzeichnet  ist,  während  am  Himmel
an  diesem  Tage  bereits  Luna  III.  steht'.  Chonrad  erklärt  sich
dies  auf  folgende  Weise:  Gott  hat  Sonne  und  Mond  am
4.  Tage  der  Schöpfung  geschaffen,  daraus  ist  klar,  dass  an  diesem
Tage  Neumond  gewesen  ist. 1  Den  Menschen  aber  hat  er  am
6.  Tage,  also  am  3.  Tage  nach  Sonne  und  Mond  geschaffen;
als  nun  Adam  an  seinem  ersten  Lebenstage  den  Mond  sah,
legte  er  ihm  das  Alter  1  bei  und  zählte  von  hier  aus  weiter.
Adam  beging  damit  einen  Fehler  um  3,  der  sich  auf  uns,  seine
Söhne  fortgeerbt  hat.  Dazu  fügt  nun  der  Bearbeiter  die  Bemerkung ­
  bei,  dass  man  sich  dies  auch  noch  auf  andere  Weise
erklären  könne:  es  werde  eben  die  Umlaufszeit  des  Mondes
zu  hoch  angesetzt  und  so  habe  sich  nach  und  nach  der  Fehler
entwickelt.  Man  sieht,  der  Bearbeiter  schliesst  hier  nach  Analogie ­
  des  Sonnenjahres,  während  er  aber  dort  auch  Auskunft
über  die  Grösse  des  Fehlers  zu  geben  weiss,  schweigt  er  hier,
was  auf  seine  Belesenheit  gerade  kein  günstiges  Licht  wirft,
denn  1396  wusste  man  darüber  schon  ganz  gut  Bescheid  zu
geben;  wohl  aber  erwähnt  er,  dass  man  für  den  Kalender
Tafeln  erfunden  habe,  durch  die  man  did  richtigen  Neumonde
bestimmen  könne.  Ueber  die  Folgen  der  beiden  Fehler  in
Bezug  auf  die  Osterfeier  lassen  weder  Chonrad  noch  sein
Bearbeiter  etwas  verlauten.  Fol.  109 b  schliesst  der  Tractat  mit
folgenden  zwei  Sätzen:  ,et  hoc  terminatur  expositio  computi

1  Dass  bei  der  Erschaffung  der  Welt  Neumond  gewesen  sei,  ist  eine  im
Mittelalter  nicht  sehr  gebräuchliche  Ansicht.  Die  geläufigere,  bereits  in
den  falschen  Acten  des  Concils  von  Cäsarea  (2.  Hälfte  des  4.  Jahrh.)  ausgesprochene ­
  ist,  dass  Vollmond  gewesen  sei.  Noch  bei  Nicolaus  von  Cusa,
der  sich  auf  diese  Acten  stützt,  finden  wir  diese  Ansicht  vertreten.
Vergl.  über  diese  Frage:  Piper  in  der  Einleitung  zum  kgl.  preuss.  Staatskalender ­
  1856.
            
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