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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Air*

168  Werner.
die  gottschauenden  Engel  nichts  Neues  geben  könne,  so  ist
damit  nur  das  denknothwendige  Correlat  der  andern  Behauptung, ­
  die  ihnen  das  Gedächtniss  abspricht,  ausgesprochen,  und
erklärt,  dass  ihr  Leben  in  die  ewige  Gegenwart  des  göttlichen
Seins  gerückt  ist.  Indess  zeigt  sich  auch  hier  wieder  Augustinus ­
  als  der  tiefer  Greifende,  wenn  er  Gott  als  die  in  ihrer
Ewigkeit  uralte  und  für  das  creatiirliche  Anschauen  doch  ewig
neue  Schönheit  bezeichnet,  deren  Anschauen  in  einer  unendlichen ­
  Reihe  von  ewigen  Tagen  des  seligen  Lebens  sich  nicht
erschöpfen  lässt,  sondern  in  jedem  dieser  Tage  d.  h.  in  jedem
Erkenntnissacte  des  gottschauenden  Geistes  aufs  Neue  und
in  neuer  Weise  aus  den  Tiefen  desselben,  d.  h.  aus  der  Memoria ­
  hervorgebracht  wird.  Dass  bei  Bonaventura  eine  derartige ­
  Anschauung  vom  Erkennen  der  seligen  Geister  sich  nicht
durchrang,  haben  wir  schon  oben  bemerklich  gemacht  und
aus  seinen  Gründen  erklärt;  und  so  wissen  wir  nicht,  ob  wir
ihn  nicht  auch  für  die  nicht  ganz  erschöpfende  Darlegung,  die
Dante  vom  Erkennen  der  seligen  Geister  gibt,  einigermassen
verantwortlich  machen  sollen.
An  Bonaventura’s  Engellehre  lässt  sich  schliesslich  noch
seine  Lehre  von  den  Universalien  anfügen,  welche  von  jener
ihren  Ausgang  nimmt.  In  den  Engeln,  die  den  obersten  Weltbereich ­
  bilden,  thut  sich  zufolge  ihrer  substanziellen  Mehrheit
zuerst  der  Bereich  der  kosmischen  Vielheit  auf,  durch  welche
indess  ihre  specifische  Einheit  nicht  aufgehoben  wird.  Bonaventura
  verwirft  ausdrücklich  den  (von  Thomas  gelehrten)  Satz,
dass  in  der  Engelwelt  eben  so  viele  Species  als  lndividua  seien.
Die  Arteinheit  muss  auch  noch  in  Bezug  auf  die  Menschenseelen ­
  aufrecht  erhalten  werden,  obwol  ihr  Eingesenktsein  in
die  sinnliche  Leiblichkeit  für  den  Menschen  als  solchen  das
Hineingezogenwerden  desselben  in  die  durch  das  Auseinandertreten ­
  von  Genus  und  Species  bedingten  Variationen  und  Diversitäten
  der  Sinnendinge  involvirt.  Das  Auseinandertreten

Da  esse  da  cui  nulla  si  nasconde:
Perö  non  hanno  vedere  interciso
Da  nuovo  objetto,  e  perö  non  bisogna
Rimemorar  per  coneetto  diviso.
(Parad.  XXIX  vv.  76—81.)
            
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