Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Psychologie  und  Erkenntnisslehre  des  Johannes  Bonaventura.

167

von  zwei  Thätigkeiten  der  Engel,  vom  Erkennen  und  Wollen
derselben,  und  erwähnt  des  vom  Sinnengedächtnisse  unterschiedenen ­
  intellectiven  Geistgedächtnisses  nicht,  von  welchem
Thomas  1  glaubt,  dass  man  es  ihnen  mit  Augustinus  2  beilegen
könne;  Bonaventura  kann  ferner  das  Lob  beanspruchen,  die
Lehre  von  der  Erkeuntnissthätigkeit  der  englischen  Wesen  so
vereinfacht,  als  es  Dante  wünschte,  vorgetragen  zu  haben.
Indess  haben  weder  Dante  noch  Bonaventura  die  Augustinische
Lehre  von  der  Memoria  als  wesentlicher  Thätigkeit  der  gottesebenbildlichen ­
  Mens  nach  ihrer  vollen  Tiefe  gefasst.  Dante
würde  nicht  gesagt  haben,  dass  die  Thätigkeit  der  Memoria  in
der  ewigen  Anschauung  hinwegfalle,  wenn  er  sie  als  geistige
Innerungskraft  gefasst  hätte;  er  hätte  für  diesen  Fall  sich
sagen  müssen,  dass  sie  in  der  ewigen  Anschauung  zum  höchsten ­
  Grade  ihrer  Thätigkeit  gesteigert  werde,  und  das  geistige
Hervorstellen  des  in  Gott  Geschauten  aus  der  tiefsten  Innerlichkeit ­
  des  Gottschauenden  als  lebendiger  Selbstact  desselben
vermittele.  Auch  Bonaventura  irrt  im  Breviloquium 3  von  der
ursprünglich  angenommenen  Augustinischen  Dreiheit  (Memoria,
Intellectus,  Voluntas)  zu  der  Zweiheit:  Erkennen  und  Wollen,
ab,  und  weist  das  Gedächtniss  der  sensiblen  Seele  zu,  was  er
schon  darum  nicht  hätte  thun  sollen,  weil  ihm  die  Seele  als
eine  affective,  also  doch  gewiss  innerungsfähige  Wesenheit  gilt,
und  das  denkhafte  Innere  doch  gewiss  die  edelste  und  vornehmste ­
  Innerungsart  der  denkfähigen  Seele  ist,  die  derselben
auch  nach  ihrer  Trennung  vom  Leibe  verbleiben  muss,  ja
in  der  durch  diese  Trennung  bewirkten  Abgeschiedenheit  der
Seele  von  den  Eindrücken  der  sichtbaren  Wirklichkeit  alleinzig
das  denkhafte  Leben  der  Seele  zu  vermitteln  hat.  Es  möchte
wol  der  Hinblick  auf  jene  Hinwendung  Bonaventura’s  von  der
ursprünglichen  Dreitheilung  zur  Zweitheilung  der  höheren  Seelenvermögen ­
  gewesen  sein,  welcher  dem  Dichter  die  gegen  eine
Memoria  der  gottschauenden  Himmelsgeister  gerichtete  Terzine ­
  eingab. 4  Wenn  er  in  derselben  weiter  sagt,  dass  es  für

1  1  qu.  54,  art.  5.
2  Trin.  X,  11.
3  Breviloq.  II,  c.  12.
Queste  sustanzie  poiche  für  gioconde
Deila  faccia  di  Dio,  non  volser  viso
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.