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Werner.
Potenzen in Ratio und Affeetus entlehnt ist. 1 Diesen beiden
seelischen Vermöglichkeiten unterstellt Richard als dienende
Kräfte die Imaginatio und Sensualitas, welche den Tliätigkeiten
der Ratio und des Affeetus Stoff und Inhalt liefern. 2
Die Ratio könnte ihre Bestimmung, den Menschen zur Betrachtung
des Uebersinnlichen zu erheben, ohne den Dienst
der Imaginatio nicht erfüllen, diese aber ihrerseits wieder ohne
die durch das Sinnesvermögen ihr gelieferten Apperceptionen
der Sinnendinge ihrem Dienste für die Ratio nicht nachkommen;
der Mensch kann das Uebersinnliche nur auf Grund seines
sinnlichen Wahrnehmungslebens erreichen, die Bilder der Sinnendinge
verhelfen ihm zur Apperception einer übersinnlichen
Wirklichkeit, die in der sinnlichen auf eine gewisse Art abgestaltet
und nachgebildet ist. So steht also die Sensualitas,
die zunächst der Affectio dient, auch in einem mittelbaren
Dienstverhältniss zur Ratio, deren unmittelbare Dienerin die
Imaginatio ist. Bereits dieser unterste psychologische Unterbau
der Mystik Richards lässt erkennen, dass in derselben
vornehmlich von den cognoscitiven Thätigkeiten der Seele die
Rede sein werde, vom Affectleben der Seele aber nur insofern,
als es mit den cognoscitiven Functionen der mystischen Contemplation
verschmolzen ist, oder sofern es sich um die nöthige
vorbereitende ethische Disciplin des Affectlebens handelt. Ganz
so finden wir es auch bei Bonaventura, so dass also auf eine
methodisch ausgebildete Tlielematologie beiderseits nicht zu
rechnen ist, so sehr man diess auch bei der grundsätzlichen
Versenkung der Mystiker in das psychische Erfahrungsleben
zu erwarten sich versucht fühlen könnte. Für eine pragmatische
Exposition der Vorgänge des menschlichen Seelenlebens ist
während des gesummten Mittelalters unbestreitbar das Meiste im
1 Vgl. ßichard’s Benjamin Minor, e. 3: Omni spiritui rationali geniina
quaedam vis data est ab illo Patre luminum, a quo est omne datum
Optimum et omne donum perfectum. Una est ratio, altera est affectio: ratio
qua discernamus, affectio qua diligamus; ratio ad veritatem, affectio ad
virtutem.
2 Obsequitur sensualitas affectioni, imaginatio famulatur rationi. Intantum
unaquaeque harum ancillarum dominae suae necessaria esse cognoscitur,
ut sine illis totus mundus nil eis conferre videretur. Nam sine imaginatione
ratio nihil sciret, sine sensualitate affectio nil saperet. O. c., c. 5.