132
Werner.
könnte, dass der absolute Gegenstand des seelischen Begehrens
das geistige Fassungsvermögen der Seele schlechthin übersteigt. 1
Diess will nun Bonaventura allerdings nicht sagen, und kann
es nicht sagen wollen; aber so viel liegt in seiner gesammten
x\uffassungsweise thatsächlich ausgesprochen, dass der jenseitige
Yollendungsstand der menschlichen Seele unserem zeitlichen
Denken absolut entrückt sei. Und damit ist das richtige Maass
augenscheinlich überschritten; denn was unserem Vorstellen
entrückt ist, ist damit noch nicht unserem Denken unerreichbar
geworden. Bonaventura ist augenscheinlich bemüht, den
Denkinhalt des christlichen Glaubens inniger und innerlicher
zu fassen, als der Denkstandpunkt und Denkhabitus des scholastischen
Peripatetismus diess zuzulassen scheint; er vermag
jedoch nicht jenen Grad von Denkenergie aufzubieten, der erforderlich
gewesen wäre, den speculativen Gehalt der peripatetischen
Scholastik noch weiter zu vertiefen, ja nur desselben
sich vollkommen zu bemächtigen. Denn sein Sichzurückziehen
auf den Standpunkt der mystischen Beschauung ist einem Verzichte
auf eine geistige Bewältigung der Denkbestrebungen der
speculativen Peripatetik gleich zu erachten. Sei es auch, dass
er eine innerlichere und tiefere Fassung des Inhaltes der
christlichen Glaubensüberzeugung anstrebt, so fasst er doch
das intellective menschliche Erkennen zu sehr von der receptiven
Seite desselben auf, 2 als dass ihm eine ideelle Vertiefung
Bonaventura spricht als Zeuge der ihn durchgehenden heiligen Gottesliebe
:
L’amor che mi fa bella,
Mi tragge a ragionar dell'altro duca,
Per cui del mio si ben ci si favella.
(Parad. XII, 31—33. Siehe oben S. 107.)
1 Tu autem o amice — heisst es Itinerar. ment. c. 7 (gegen Ende) —
circa mysticas visiones corroborato itinere, et sensus desere et intellectuaies
operationes et sensibilia et invisibilia et omne non ens et ens, et
ad unitatem (ut possibile est) inscius restituere ipsius, qui est super omnem
essentiam et scientiam.
2 Similitudo, secundum quod unum est similitudo alterius est ratio
cognoscendi, et haec dieitur idea. Sed aliter est in nobis, aliter in Deo.
In nobis quidem ratio cognoscendi est similitudo, cognitum est veritas.
Nam in nobis est similitudo accepta et impressa ab extrinseco, propter
hoc, quod intellectus noster respectu cogniti est passibilis et non actus