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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Psychologie  und  Erkenntnisslehre  des  Johannes  Bonaventura.

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ihr  selbsteigener  Wille  lässt  sich  als  ihr  Selbstwille  nur  dem
Begriffe  nach  von  ihrem  Wesen  abscheiden;  es  kann  da  weder
von  einem  ,Vermögen'  noch  von  einem  ,Instrumente',  sondern
nur  von  einem  Thätigsein  der  Seele  die  Rede  sein,  das  mit
dem  Begriffe  der  Seele  als  lebendiger  Potenz  von  selber  gegeben ­
  ist  und  als  Thätigsein  einer  über  physische  Nöthigung
oder  immanente  Naturnothwendigkeit  erhabenen  Potenz  wesentlich ­
  ein  freies  selbstgewolltes  Handeln  ist.  Wie  dieses  selbsteigene ­
  Handeln  des  inneren  seelischen  Menschen  ausfalle,  ist
freilich  von  seiner  innerlichen  Disposition  abhängig,  die  eben
in  seinem  thatsächlichen  Handeln  sich  kundgibt;  Bonaventura
hat  für  diese  Disposition  den  bezeichnenden  Ausdruck:  Affectio,
  welchen  er  gelegentlich  mit  Voluntas  gleichbedeutend  setzt,
wenn  er  Intellectus  und  Affectus,  Ratio  und  Voluntas  als  einander ­
  deckende  Gegensätze  bezeichnet.  Diess  ist  freilich  nicht
ganz  genau  gesprochen;  man  muss  aber  zugeben,  dass  er  durch
die  Gleichsetzung  der  Voluntas  mit  der  potentia  affectiva  der
Menschenseele  wirklich  in  die  Mitte  der  Sache  einrückt,  was
noch  mehr  hervortritt,  wenn  er  gelegentlich  äussert,  dass  neben
der  Zweitheilung:  Cognoscitiva  und  Affectiva,  auch  die  Dreitheilung
  Ratio,  Mens,  Voluntas  festgehalten  werden  könnte.
Es  ist  also  das  Gemütli  als  eine  vom  reflectirten  Selbstwillen
der  Seele  verschiedene  Potenz,  die  in  seiner  Psychologie  nach
einer  Stelle  ringt,  welche  ihr  in  der  nach  Aristotelischen  Anschauungen ­
  construirten  Psychologie  versagt  blieb;  aber  freilich
gelangt  sie  bei  ihm  nur  sehr  relativ,  und  bloss  nach  ihrer
receptiven  Seite  zur  Geltung,  und  selbst  da  nur  insoweit,  als
es  nöthig  und  sachlich  gefordert  schien,  dem  von  Augustinus
betonten  Urzuge  der  Seele  nach  Gott  als  absolutem  Complemente
derselben  gerecht  zu  werden.  Von  der  lebendigen  Gemiithskraft
  als  Uransatz  selbstbewussten  Persönlichkeit  und  charaktervollen ­
  concreten  Selbstgestaltung  des  inneren  Seelenmenschen ­
  ist  in  dem  von  formalisirenden  Abstractionen  umnetzten
scholastischen  Denken  nie  und  nimmer  die  Rede;  sie  ist  aber
auch  in  der  neuzeitlichen  Philosophie  dort  nicht  zum  Ausdrucke
gekommen,  wo  man,  statt  von  Gemüth  und  Geist,  nur  von
Gefühl  und  Vernunft  zu  reden  wusste,  und  den  inneren  selbstigen
  Kern  des  menschlichen  Wesens  in  semipantlieisirenden
Reflexionen  sich  verflüchtigen  liess.  Den  Röthen  betreffs  der
            
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