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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Psychologie  und  Erkenntnisslelire  des  Johannes  Bonaventura.

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tura  1  zunächst  aus  der  doppelseitigen  Richtung  der  Einen  Ratio
auf  eine  doppelte,  höhere  und  niedere  Wirklichkeit  erklärt;  die
Ratio  heisst  ratio  superior  in  ihrer  Richtung  auf  das  Ueberirdische,
  Uebersinnliche,  Ewige,  Himmlische,  Göttliche,  ratio  inferior
in  ihrer  Hinwendung  auf  das  Irdische  und  Sinnliche.  Mit  der
Unterscheidung-  zwischen  ratio  superior  und  inferior  kreuzt  sich
die  Unterscheidung  zwischen  intellectus  agens  und  intellectus
possibilis, 2  die  sich  auf  den  Unterschied  eines  vorwiegend  activen
und  receptiven  Verhaltens  in  der  Erkenntnissthätigkeit  des
Intellectes  bezieht.  Bonaventura  lässt  den  Intellectus  possibilis
vorwiegend  im  Materialprincip  der  Seelensubstanz,  den  Intellectus ­
  agens  im  Formalprincipe  derselben  begründet  sein.  Beide
verhalten  sich  zu  einander,  wie  die  Receptionsfähigkeit  des
sinnlichen  Auges  zu  der  Fähigkeit  desselben,  die  Bilder  der
Objecte  kraft  seines  selbsteigenen  Lichtes  in  sich  zu  erzeugen.
Der  Intellectus  possibilis  ist  blosse  Potenz,  der  Intellectus
agens  aber  Potenz  und  Habitus,  dem  Lichte  gleichend,  das
des  Objectes  harrt,  um  es  durch  seine  Leuchtthätigkeit  sichtbar ­
  zu  machen.  Bonaventura  setzt  den  Intellectus  possibilis
zum  Materialprincip  der  Seelensubstanz  in  specifische  Beziehung; ­
  da  dieses  Materialprincip  nach  seiner  und  seines  Ordens
Lehre  auch  in  den  Engelgeistern  vorhanden  ist,  so  kommt
auch  diesen  ein  intellectus  possibilis  zu,  wie  mit  Bonaventura
sowol  Alexander  Halesius  als  auch  Duns  Scotus  und  seine
Schule  lehren;  nur  kann  dem  Intellectus  possibilis  des  leiblosen ­
  Engels  nicht  das  Geschäft  des  menschlichen  intellectus
possibilis  zukommen,  aus  dem  Sinnenbilde  die  sinnliche  Vorstellung ­
  des  appercipirten  Sinnenobjectes  abzuziehen.  Die  relative ­
  Gleichstellung  der  Menschenseele  mit  dem  Engelgeiste
in  Bezug  auf  die  anerschaffene  Erkenntnissfähigkeit  hat  zur
Folge,  dass  Bonaventura  und  die  Schule  seines  Ordens  auch
den  thomistischen  Satz  nicht  anerkennen,  welchem  zufolge  die
sinnliche  Wirklichkeit  das  objectum  proprium  des  menschlichen
Erkennens  wäre;  nicht  die  sinnliche  Wirklichkeit,  sondern
das  Seiende  als  solches  ist  das  dem  menschlichen  Intellecte
congruirende  Object.  Für  den  Mystiker  Bonaventura,  dem  das
1  Sentt.  If,  dist.  24,  ps.  1,  art.  2,  qu.  2.
2  L.  c.,  qu.  4.
            
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