Die Psychologie und Erkenntnisslelire des Johannes Bonaventura.
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tura 1 zunächst aus der doppelseitigen Richtung der Einen Ratio
auf eine doppelte, höhere und niedere Wirklichkeit erklärt; die
Ratio heisst ratio superior in ihrer Richtung auf das Ueberirdische,
Uebersinnliche, Ewige, Himmlische, Göttliche, ratio inferior
in ihrer Hinwendung auf das Irdische und Sinnliche. Mit der
Unterscheidung- zwischen ratio superior und inferior kreuzt sich
die Unterscheidung zwischen intellectus agens und intellectus
possibilis, 2 die sich auf den Unterschied eines vorwiegend activen
und receptiven Verhaltens in der Erkenntnissthätigkeit des
Intellectes bezieht. Bonaventura lässt den Intellectus possibilis
vorwiegend im Materialprincip der Seelensubstanz, den Intellectus
agens im Formalprincipe derselben begründet sein. Beide
verhalten sich zu einander, wie die Receptionsfähigkeit des
sinnlichen Auges zu der Fähigkeit desselben, die Bilder der
Objecte kraft seines selbsteigenen Lichtes in sich zu erzeugen.
Der Intellectus possibilis ist blosse Potenz, der Intellectus
agens aber Potenz und Habitus, dem Lichte gleichend, das
des Objectes harrt, um es durch seine Leuchtthätigkeit sichtbar
zu machen. Bonaventura setzt den Intellectus possibilis
zum Materialprincip der Seelensubstanz in specifische Beziehung;
da dieses Materialprincip nach seiner und seines Ordens
Lehre auch in den Engelgeistern vorhanden ist, so kommt
auch diesen ein intellectus possibilis zu, wie mit Bonaventura
sowol Alexander Halesius als auch Duns Scotus und seine
Schule lehren; nur kann dem Intellectus possibilis des leiblosen
Engels nicht das Geschäft des menschlichen intellectus
possibilis zukommen, aus dem Sinnenbilde die sinnliche Vorstellung
des appercipirten Sinnenobjectes abzuziehen. Die relative
Gleichstellung der Menschenseele mit dem Engelgeiste
in Bezug auf die anerschaffene Erkenntnissfähigkeit hat zur
Folge, dass Bonaventura und die Schule seines Ordens auch
den thomistischen Satz nicht anerkennen, welchem zufolge die
sinnliche Wirklichkeit das objectum proprium des menschlichen
Erkennens wäre; nicht die sinnliche Wirklichkeit, sondern
das Seiende als solches ist das dem menschlichen Intellecte
congruirende Object. Für den Mystiker Bonaventura, dem das
1 Sentt. If, dist. 24, ps. 1, art. 2, qu. 2.
2 L. c., qu. 4.