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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

die  vis  concupiscibilis  und  vis  irascibilis.  Die  Unterscheidung
höherer  und  niederer  Seelenkräfte  lässt  Bonaventura  nur  beziehungsweise ­
  gelten,  und  bringt  sie  nur  in  Beziehung  auf  das
Erkenntnissieben  der  Seele  zur  Sprache.  Grund  dessen  ist,
dass  er,  wie  nach  ihm  Duns  Scotus  und  dessen  Schule,  das
sinnliche  Begehren  als  einen  Act  des  leiblichen  Lebens  fasst,  1
während  Thomas  und  seine  Schule  das  sinnliche  Begehren
der  vis  concupiscibilis  der  Seele  als  anima  sensibilis  zuschreiben. ­
  Dass  rücksichtlich  dieses  Punktes  die  an  überlieferten
platonischen  Anschauungen  festhaltenden  Scotisten  richtiger
dachten  als  die  Thomisten,  obschon  die  letzteren  mit  Recht  den
von  ersteren  beiseite  gesetzten  Begriff  der  Seele  als  Vitalprincipes
  urgirten,  ist  von  uns  bereits  wiederholt  angedeutet  worden; ­
  und  es  muss  eben  nur  auf  Rechnung  der  Aeusserlichkeit
und  steifen  Abstractheit  des  scholastischen  Denkens  gesetzt
werden,  dass  man  den  Gedanken  eines  relativen  Selbstlebens
des  Leibes  mit  der  Idee  der  Seele  als  Lebensprincipes  der
sinnlichen  Leiblichkeit  nicht  zu  vereinbaren  wusste.  Die  schärfere ­
  Abscheidung  der  Seelenvermögen  von  der  Essenz  der
Seele  im  Thomismus  hing  aber  unzweifelhaft  damit  zusammen,
dass  man  die  Seele  zum  Principe  von  Thätigkeiten  und  Vorgängen ­
  machte,  die  sich  nur  sehr  mittelbar  und  relativ  auf
ihre  Causalität  zurückbeziehen  Hessen.
Die  seit  Augustinus  2  herkömmlich  gewordene  Unterscheidung ­
  zwischen  Ratio  superior  und  Ratio  inferior  wird  von  Bonaven-1

  Dicendum,  quod  cum  dividimus  appetitum  in  naturalem  et  deliberativum,
sive  quamcunque  aliam  potentiam,  hoc  dupliciter  potest  intelligi:  Aut  ita
quod  appetitus  naturalis  et  deliberativus  diversitatem  habent  in  objeetis,
utpote  cum  unum  est  appetibile  solum  a  substant.ia  rationali,  aliud  autem
est  appetibile  a  brutali.  Et  hoc  modo  bene  contingit,  naturalem  potentiam
et  deliberativam  esse  diversas  potentias.  Alio  modo  potest  dividi  appetitus ­
  sive  potentia  in  naturalem  et  deliberativum,  ita  tarnen,  ut  non  sit
differentia  in  objeetis,  sed  in  modo  appetendi,  ut  cum  appellamus  synderesin
  esse  voluntatem  naturalem  et  voluntatem  deliberativam
appellamus  appetitum,  quo  post  deliberationem  aliquando  adhaeremus
bono  aliquando  malo;  et  sic  divisio  potentiae  per  naturalem  et  deliberativam ­
  non  variat  eam  secunduin  essentiam  potentiae,  sed  secundum  modum
movendi.  Sentt.  dist.  24,  ps.  1,  art.  2,  qu.  3.
            
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