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Die Psychologie und Erkenntnisslelire des Johannes Bonaventura. 121
hunderts ausgesprochenen Satz, dass die Seele suae vires sei;
eben so wenig aber ist er damit einverstanden, dass die Potenzen
der Seele der Substanz der Seele als accidentale Proprietäten
inhäriren; sie gehören vielmehr wirklich zur Essenz der
Seele, ohne diese selber zu sein. So richtig diese Bemerkungen
immerhin sind, so bedauerlich ist andererseits die Aeusserlichkeit
des Denkens, welches die grundwesentlichen Thätigkeitsäusserungen
der Seele: Denken und Wollen, Erkennen und
Streben zu Instrumenten der Seele herabsetzt, als ob nicht
die Seele ihrem Wesen nach thätig, und zwar wesentlich denkhaftes
Thätigkeits- und Strebeprincip wäre. Als solches ist
sie bewusst und unbewusst bestrebt, alles Andere ausser ihr
und unter ihr sich selber zu assimiliren, unbewusst zunächst
den eigenen Leib, bewusst und unbewusst die sie umgebende
äussere Weltwirklichkeit; sich selber aber soll und will sie,
sofern sie den sie umdrängenden Trübungen ihrer irdischen Daseinssphäre
sich entringend den Gedanken ihres Selbst lebendig
erfasst hat, ihrem göttlichen Urbilde assimiliren. Wir werden
später sehen, dass dem Mystiker Bonaventura diese Auffassung
des Seelenwesens durchaus nicht fremd war; das Mangelhafte
und Unzureichende in der Ausführung derselben werden wir
zum grössten Theile auf Rechnung der unzureichenden Unterlage,
die ihm durch die scholastische Bildung seines Zeitalters
geboten war, zu setzen haben. Ein anderer Mangel aber liegt,
wir dürfen uns dies nicht verhehlen, in den von ihm adoptirten
platonisirenden Anschauungen, die ihn ein berechtigtes
Moment des in seinem Zeitalter um sich greifenden aristotelischen
Realismus übersehen Hessen. Wir sehen dies gleich
hier in seinem Seelenbegriffe, den er durchaus nicht voll und
erschöpfend fasst, wenn er die Thätigkeiten des seelischen
Principes im Menschen auf die bewussten Selbstäusserungen desselben
beschränkt, die nicht bewussten Thätigkeiten desselben
aber völlig ignorirt.
Bonaventura unterscheidet 1 zwei Hauptpotenzen der Seele,
die cognoscitive und die affective, unter deren jede er zwei
I'ires subsumirt; die cognoscitive Potenz fasst als besondere
Kräfte Memoria und Intellectus in sich, die affective Potenz