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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

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Die  Psychologie  und  Erkenntnisslelire  des  Johannes  Bonaventura.  121
hunderts  ausgesprochenen  Satz,  dass  die  Seele  suae  vires  sei;
eben  so  wenig  aber  ist  er  damit  einverstanden,  dass  die  Potenzen ­
  der  Seele  der  Substanz  der  Seele  als  accidentale  Proprietäten ­
  inhäriren;  sie  gehören  vielmehr  wirklich  zur  Essenz  der
Seele,  ohne  diese  selber  zu  sein.  So  richtig  diese  Bemerkungen
immerhin  sind,  so  bedauerlich  ist  andererseits  die  Aeusserlichkeit
  des  Denkens,  welches  die  grundwesentlichen  Thätigkeitsäusserungen
  der  Seele:  Denken  und  Wollen,  Erkennen  und
Streben  zu  Instrumenten  der  Seele  herabsetzt,  als  ob  nicht
die  Seele  ihrem  Wesen  nach  thätig,  und  zwar  wesentlich  denkhaftes
  Thätigkeits-  und  Strebeprincip  wäre.  Als  solches  ist
sie  bewusst  und  unbewusst  bestrebt,  alles  Andere  ausser  ihr
und  unter  ihr  sich  selber  zu  assimiliren,  unbewusst  zunächst
den  eigenen  Leib,  bewusst  und  unbewusst  die  sie  umgebende
äussere  Weltwirklichkeit;  sich  selber  aber  soll  und  will  sie,
sofern  sie  den  sie  umdrängenden  Trübungen  ihrer  irdischen  Daseinssphäre ­
  sich  entringend  den  Gedanken  ihres  Selbst  lebendig
erfasst  hat,  ihrem  göttlichen  Urbilde  assimiliren.  Wir  werden
später  sehen,  dass  dem  Mystiker  Bonaventura  diese  Auffassung
des  Seelenwesens  durchaus  nicht  fremd  war;  das  Mangelhafte
und  Unzureichende  in  der  Ausführung  derselben  werden  wir
zum  grössten  Theile  auf  Rechnung  der  unzureichenden  Unterlage, ­
  die  ihm  durch  die  scholastische  Bildung  seines  Zeitalters
geboten  war,  zu  setzen  haben.  Ein  anderer  Mangel  aber  liegt,
wir  dürfen  uns  dies  nicht  verhehlen,  in  den  von  ihm  adoptirten
  platonisirenden  Anschauungen,  die  ihn  ein  berechtigtes
Moment  des  in  seinem  Zeitalter  um  sich  greifenden  aristotelischen ­
  Realismus  übersehen  Hessen.  Wir  sehen  dies  gleich
hier  in  seinem  Seelenbegriffe,  den  er  durchaus  nicht  voll  und
erschöpfend  fasst,  wenn  er  die  Thätigkeiten  des  seelischen
Principes  im  Menschen  auf  die  bewussten  Selbstäusserungen  desselben ­
  beschränkt,  die  nicht  bewussten  Thätigkeiten  desselben
aber  völlig  ignorirt.
Bonaventura  unterscheidet 1  zwei  Hauptpotenzen  der  Seele,
die  cognoscitive  und  die  affective,  unter  deren  jede  er  zwei
I'ires  subsumirt;  die  cognoscitive  Potenz  fasst  als  besondere
Kräfte  Memoria  und  Intellectus  in  sich,  die  affective  Potenz
            
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