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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 82. Band, (Jahrgang 1876)

Die  Pdychologie  und  Erkenntnisslelire  des  Johannes  Bonaventura.

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kennen  sein  muss.  Ein  solches  Erkennen  muss  möglich  sein,
wenn  es  wahr  ist,  dass  der  Mensch,  wie  Bonaventura  sagt,
ein  beziehungsweise  ausdrucksvolleres  Gottesbild  (expressior
imago)  als  der  Engel  sei.  Für  diesen  Fall  aber  darf  das  Verhältniss
  der  menschlichen  Seele  zu  dem  ihr  eignenden  Leibe
nicht  bloss  als  Verhältniss  der  creatura  rationalis  ad  aliquid
extrinsecum  gefasst  werden,  wie  es  von  Seite  Bonaventura’s
geschieht,  weil  damit  dem  specifischen  Wesenscharakter  des
Menschen  als  lebendiger  Ineinsbildung  beider  Arten  und  Ordnungen ­
  der  kosmischen  Wirklichkeit,  der  sinnlichen  und  übersinnlichen, ­
  geistigen  und  natürlichen  nicht  Genüge  geschieht,
und  die  expressior  imago  als  eine  bloss  ratione  ejus  quod
adjacet,  wie  Bonaventura  sich  ausdrückt,  1  erkannte  erscheint.
Aus  dem  bisher  Bemerkten  wird  sich  auch  erklären,  wie  er
dahin  kommt,  den  Unterschied  zwischen  Imago  und  Similitudo
oder  anerschaffener  und  actuell  verwirklichter  Gottesbildlichkeit
derart  zu  bestimmen, 2  dass  erstere  im  geistigen  Erkennen,
letztere  aber  in  der  affectiven  Potenz,  d.  h.  in  der  lebendigen
Gemüthskraft,  ihren  vornehmlichen  Ausdruck  findet. 3  Denn
damit  ist  doch  wol  nur  dies  insinuirt,  dass  das  selbstmächtige
Erkennen  des  Menschen  auf  den  Bereich  der  natürlichen  Ordnung ­
  oder  des  auf  natürlichem  Wege  Erkennbaren  beschränkt
sei,  während  der  Unterschied  beider  Erkenntnisse,  der  natürlichen ­
  und  gläubigen,  vornehmlich  und  primär  doch  in  dem
unterschiedlichen  Verhältniss  der  ihnen  entsprechenden  Wirklichkeiten ­
  zum  Standort  unseres  zeitlichen  Erkennens  begründet  ist.
Uebrigens  steht  Bonaventura  mit  jener  Verhältnissbestimmung
zwischen  Imago  und  Similitudo  ganz  innerhalb  des  Bereiches
der  Theologie  seines  Ordens;  auch  Alexander  Halesius 4  entscheidet ­
  sich  für  den  Satz:  Imago  in  cognitione,  similitudo  in
'  Sentt.  II,  dist.  IG,  qu.  2.
2  Sentt.  II,  dist.  16,  qu.  3.
3  In  imagine  creationis  duae  sunt  potentiae  ex  parte  cognitivae  seil,  memoria ­
  et  intelligentia,  et  una  ex  parte  affectivae,  seil,  voluntas.  E  contra
vero  in  imagine  recreationis,  quae  consistit  in  gratia,  duae  virtutes  sunt
ex  parte  affectivae:  seil,  spes  et  charitas,  et  una  ex  parte  cognitivae,
seil.  Fides.  L.  e.
4  Summ.  II,  qu.  62,  mbr.  5,  art.  4.
Sitzungsber.  d.  phil.-Mst.  CI.  LXXXII.  Ed.  II.  Hft.  8
            
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