110
Werner.
ist, während eine derartige specielle teleologische Beziehung
der sichtbaren Welt auf die reinen Geister nicht besteht.
Dieser Ausgangspunkt der anthropologischen und psychologischen
Speculation Bonaventura’s wirft bereits ein charakteristisches
Licht auf die kosmische Gesammtanschauung, auf
deren Grunde jene steht, und enthält auch die letzten allgemeinen
Erklärungsgründe der eigenartigen Beschaffenheit der
psychologischen Mystik, die sich in Bonaventura’s Denken und
innerem Leben aus jenen allgemeinen Grundanschauungen hervorbildete.
Beachten wir die Art und Weise, in welcher er zu
zeigen sucht, dass der Mensch den gottesbildlichen Charakter
der rationalen Creatur beziehungsweise ausdrucksvoller als der
dem Menschen übergeordnete reine Geist darstelle. Die von
ihm angegebenen Gründe 1 sind dieselben, die auch bei Alexander
Iialesius 2 und Albertus Magnus 3 sich finden: Die
menschliche Seele ist mit einem Körper vereiniget, dessen
mikrokosmisches Gebilde zu ihr in einem analogen Verhältniss,
wie der Makrokosmos zu der ihn beherrschenden und erfüllenden
ewigen Gottheit steht; der Mensch ist ferner zufolge seiner
Zeugungsfähigkeit schöpferisches Gattungsprincip, und damit
auf eine specifische Weise Gott als schöpferischer Allursache
ähnlich. Es liegt auf der Hand, dass hier in die angenommene
Gottesbildlichkeit des Menschen eine Bestimmung aufgenommen
ist, die sich auf etwas von der Rationalität des Menschen
Verschiedenes bezieht, indem der Mensch nicht vermöge seiner
Intellectualität, sondern als animalisches Wesen zeugungsfähig
ist; und doch soll der Charakter der Gottesbildlichkeit in der
rationalen Natur des Menschen begründet sein. Es liegt also
im Begriffe der menschlichen Gottesbildlichkeit, wie ihn die
mittelalterliche Scholastik durchgängig fasst, offenbar eine unklare
Fusion differenter Bestimmungen vor, die auf die Nichtunterscheidung
des Charakters der Ebenbildlichkeit von jenem
der Gegenbihllichkeit zurückzuführen ist. Das mit der Weihe
einer Stellvertretung göttlicher Auctorität umkleidete mensch-1
Siehe vor. Amu.
2 Summ. Pars II, qu. 62, mbr. 4, art. 2.
3 Summ, de creatur. II, qu. 81, art. 2.