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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

Abraham  Ihn  Esra’s  Einleitung  zu  seinem  Pentateuch-Commentar.

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Vergangenheit  nachzuweisen  und  ferner  in  diesen  selbst  nichts
als  überflüssig  zu  betrachten,  nichts  unbenutzt,  ungedeutet  zu
lassen.  Das  letztere  Bedürfniss  liefert  die  bei  vieler  Willkür
auch  viel  Methode  zeigende  Weise  der  Behandlung  des  Textes,
also  das  formale  Princip,  welches  im  Midrasch  fast  dasselbe
ist,  wie  in  der  Allegoristik. 1  Das  erstere  Bedürfniss  führt  zu
dem  Inhalte  der  Auslegung,  auf  dessen  Verschiedenheit  denn
auch  hauptsächlich  der  Unterschied  zwischen  midraschischer
und  allegorisirender  Auslegung  beruht.  Was  die  Alexandriner
—  man  kann  in  der  Mehrzahl  sprechen,  da  Philo  nicht  der
Einzige,  wie  auch  nicht  der  Erste  unter  den  Alexandrinern  allegorisirte
  —  in  der  Bibel  suchten  und  zu  linden  vermeinten,
war  eine  mehr  oder  weniger  systematische  Fülle  aus  der
griechischen  Bildung  geschöpfter  Erkenntnisse  und  Theorien.
Die  Erzählungen,  Lehren  und  Gesetze  der  Bibel  sollten  zum
Ausdrucke  einer  ganz  fremden  Weltanschauung  gezwängt  werden. ­
  Da  musste  die  eigentliche  Bedeutung  des  Textes  einer
systematischen  Umdeutung  unterzogen  werden:  Alles  wurde  zum
Gleichniss,  die  Auslegung  wurde  zur  umfassenden  Allegoristik.
Ebenso  war  es  vorzugsweise  sein  Inhalt,  welcher  den
Midrasch  Palästina’s  vor  dem  Ausarten  in  schrankenloses  Allegorisiren
  schützte,  denn  diesen  Inhalt  bildete  niemals  ein  geschlossenes ­
  Ganzes  von  Theorien  und  Erkenntnissen;  auch  war
es  grössteütheils  nichts  Fremdartiges,  was  er  mit  dem  Schriftworto
  vermälen  wollte.  Aus  dem  Leben  und  Empfinden  der
Nation  selbst  schöpfte  ihr  Kern,  schöpften  die  alten  Lehrer
die  niemals  abschliessenden,  die  sich  fortwährend  ändernden
und  entwickelnden,  zuweilen  auch  gegenseitig  auf  hebenden
Glaubensansichten,  Hoffnungen,  Sagen,  Sprüche  der  Lebensweisheit ­
  und  dergleichen,  wozu  eine  immer  mehr  sich  verfeinernde ­
  Kunst  der  Auslegung  in  der  heiligen  Schrift  die
Quelle  oder  wenigstens  den  Anhaltspunkt  anzugeben  wusste.
Da  konnte  es  zu  keiner  folgerichtigen  allcgorisirönden  Exegese
kommen, 2  umsoweniger,  als  das  Schriftwort  selbst  in  der  alten
1  Dies  gilt  besonders  für  Philo.  Vgl.  Siegfried,  Philo  aus  Alexandrien
als  Ausleger,  S.  160—180.
-  Mit  Ausnahme  des  Hohenliedes,  wo  aber  die  Allegorese  ebenfalls  echt
nationalen  Inhalt  hatte  und  durch  den  bunten  Wechsel  der  Eiuzeldeutungen
  sich  gewissermassen  selbst  aufhob.
            
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