Abraham Ihn Esra's Einleitung zu seinem Pentateuch-Commentar.
427
Sinn anzunehmen bereit ist. Man kann mit Ibn Esra ohne
Schwierigkeit annehmen, dass die Bibel selbst mit der Erzählung
vom Paradiese und Sündenfalle ausser dem Wortsinne
typisch auch einen höhern Sinn verbindet, wenn es auch nicht
eben der von Ibn Esra gemeinte ist.
Selbstverständlich ist die allegorische Erklärung bei den
sogenannten rhetorischen Typen, d. li. den der Sprache die
sinnliche Grundlage verleihenden, besonders aber im dichterischen
und überhaupt höhern Styl zur Ausschmückung und
Veranschaulichung der Rede angewendeten bildlichen Ausdrücken.
Diese müssen natürlich nicht nach dem buchstäblichen
Sinne des Wortes, sondern nach dem Sinne, den die
Sprache, den der Autor mit demselben aussagen wollte, erklärt
werden. Hier ist die Allegorie von der Sprache, von dem
Schriftsteller beabsichtigt, die Umdeutung also Pflicht des Exegeten.
Diese alle Arten der Tropen umfassende Allegorie im
weitern Sinne ist so allgemein und in’s Sprachbewusstsein so
innig eingegangen, dass sie Missverständnissen keinen Raum
bietet. Bei einem Buche aber, wie die Bibel, von dem man
sich gewöhnt hatte, auch die geringsten Aeusserlichlceiten hochzuhalten
und den buchstäblichen Wortlaut ebenso zu verehren
wie dessen Inhalt, bei einem solchen Buche mussten die Exegeten
auch ihre Berechtigung zum Umdeuten jener im
weiteren Sinne allegorischen Ausdrücke hervorheben, wie wir
das bei Saadja und bei Ibn Esra gesehen haben. Denn die
beiden von ihnen erwähnten Fälle, in denen ein Ausdruck
entweder der sinnlichen Erfahrung oder der Vernunft widerstrebt
und daher nicht buchstäblich genommen werden darf,
sie umfassen eben die gesammte bildliche Ausdrucksweise, die
vom göttlichen Wesen ausgesagten Anthropopathien und Anthropomorphismen
mit inbegriffen. Dass namentlich in Bezug
auf die letzteren der Exegese das Recht auch streitig gemacht
wurde, sie bildlich zu nehmen, ist bekannt genug. Bekanntlich
hat erst die Philosophie Maimüni’s dies Recht vollständig
erobert und in das Gesammtbewusstsein eingeführt. Als Norm
wurde dabei der vom Talmud entlehnte, aber in diesem in
ganz anderem Sinne gebrauchte Satz aufgestellt: Die Bibel
drückt sich in menschlicher Redeweise aus. Auch Ibn Esra