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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

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Bacher.

sind  und  beide  als  zuverlässig 1  und  deutlich  gelten  müssen,
indem  der  Ausdruck  zugleich  etwas  Körperliches  und  etwas
Begriffliches  besagt,  wie  z.  B.  der  Ausdruck  ,beschneiden'  im
wirklichen  und  auch  im  figürlichen  (vom  Herzen)  Sinne  vorkommt. ­
  Ebenso  ist  in  der  Erzählung  vom  Baume  der  Erkenntnis ­
  ein  innerer  Sinn  —  tid  —  anzunehmen,  während  die  Erzählung ­
  auch  dem  Wortsinne  nach  wahr  ist.  Wenn  Jemandem
dies  unbegreiflich  Vorkommen  sollte,  möge  er  sich  umsehen
und  er  wird  auch  unter  den  Naturdingen  viele  zu  zweifachem
Zwecke  bestimmte  Gebilde  antreffen,  wie  die  Nase,  die  Zunge,
die  Füsse.' 1
Was  nun  zunächst  den  letztem  Punkt  betrifft,  die  zuweilen ­
  nothwendige  Annahme  eines  vom  biblischen  Autor  selbst
beabsichtigten  doppelten  Schriftsinnes,  so  drückt  sich  Ibn  Esra
im  Jesod  Mora,  Schluss  des  siebenten  Abschnittes,  ebenso
darüber  aus:  ,Wisse,  dass  die  Lehre  nur  für  Leute  von  Verstand ­
  gegeben  ist;  darum  muss  man  die  Schrift  mit  vernunftgemässer
  Erwägung  erklären,  z.  B.  ,ich  trug  euch  mit  Adlerflügeln', ­
  ,beschneidet  die  Vorhaut  eueres  Herzens', 2  ,öffnen
sollst  du  deine  Hand',  nach  unseren  Alten 3  auch  die  Stelle
Deut.  22,  17,  ,sie  sollen  ausbreiten  das  Tuch'.  Einige  Stellen
aber  gibt  es,  welche  sowohl  im  Wortsinn  als  wahr  zu  betrachten, ­
  wie  auch  allegorisch  zu  erklären  sind,  z.  B.  die
Erzählung  vom  Garten  Eden,  vom  Baume  der  Erkenntniss
1  Wie  Schickard  diesen  Passus  missdeutet  hat,  ist  oben,  S.  399,  Anm.  1,'
gezeigt  worden.  Die  Nase  dient  zur  Absonderung  (zur  Reinigung  fies
Gehirns,  wie  die  Alten  sich  ausdrückten)  und  zum  Athemholen;  die
Zunge  ist  Organ  des  Geschmacksinnes  und  der  Sprache.  Welches  der
zweifache  Zweck  der  Fiisse  sei,  darüber  sind  die  Erklärer  uneinig.  Gehen
und  Stehen  sind  doch  gleichartige  Verrichtungen,  auch  die  eine  —  worauf
es  besonders  ankömmt  —  nicht  edler  als  die  andere.  Es  ist  daher  nicht
zu  gewagt,  anzunehmen,  dass  ein  Euphemismus  ist,  wie  Jesaia
7,  20;  36,  20.
2  Hier  nimmt  Ibn  Esra  den  Ausdruck  als  einfache  Metapher;  in  unserer
Einleitung  fasst  er  ihn  doppelsinnig,  wobei  er  aber  das  Wort  ,beschneidet ­
  an  sich  im  Auge  hat.
3  Ibn  Esra  wählt  gerade  diejenige  unter  den  von  Rabbi  Jismael  auf  dem
Wege  der  Allegorie  gedeuteten  Stellen,  bei  welcher  derselbe  nicht  die  Zustimmung ­
  der  anderen  Tannaiten  erhielt.  S.  Sifre,  Deuter.  §.  237,  Mechilta
  zu  22,  1,  jer.  Kethüböt,  TV,  4  und  beb.  Kethüb.  46  a.
            
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