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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

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Bacher.

Ibn  Esra’s  Zeitgenossen,  ausdrücklich  als  Ketzer  gebrandmarkt
  wird. 1
Es  müsste  aber  die  ältere  exegetische  Literatur  der
Karäer  in  weiterem  Umfange  bekannt  sein,  um  ihre  Verdienste
und  ihre  Einwirkung  auf  die  rabbanitische,  namentlich  Ibn
Esra,  genauer  zu  untersuchen.  Solch’  eine  Untersuchung  gehört
auch  gar  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Abhandlung.  Was  aber
der  Karäismus  durch  sein  Auftreten  in  einer  Zeit  der  Stagnation ­
  für  das  Judenthum  und  speciell  für  das  Zustandekommen
einer  freien  Bibelforschung  geleistet  hat,  das  bildet  den  Titel
seiner  geschichtlichen  Berechtigung,  das  ist  auch  von  einer
gerecht  würdigenden  Geschichtsforschung  zur  Genüge,  erkannt
worden.  Mit  dem  Rufe:  ,Forschet  in  der  Schrift!'  hat  das
Karäerthum  die  erste  eigentliche  Exegese  im  nachtalmudischen
Judenthum  angebahnt.  Es  hat  eine  stattliche  Reihe  von  Bibelerklärern
  geliefert,  bevor  die  alle  Vorgänger  verdunkelnde
Sonne  Saadja’s  erschien.  Die  Losung:  ,Forschet  in  der  Schrift!'
wird  fortan  von  den  Lehrern  des  traditionstreuen  Judenthums
angenommen  und  viel  erfolgreicher  verwirklicht;  aber  wir
dürfen  nie  vergessen,  dass  es  das  Karäerthum  war,  welches
zuerst  mit  ihr  das  Bedürfniss  einer  freien  Schrifterklärung
ausdrückte.  Das  Karäerthum  war  es  aber  auch,  welches  durch
seinen  Widerspruch  gegen  die  Tradition  die  Träger  und  Lehrer
derselben  nöthigte,  den  wahren  Schriftsinn  überall  in  seine
Rechte  einzusetzen  und  das  wahre  Verhältniss  der  heiligen
Schrift  zur  Traditionsliteratur  sich  immer  klarer  zum  Bewusstsein ­
  zu  bringen.
Wie  hat  sich  Ibn  Esra  dies  Verhältniss  gedacht?  Diese
Frage  ist  hier  angebracht,  weil  ihre  Beantwortung  die  positive
Seite  seiner  Polemik  gegen  die  Karäer  zeigt.  Ein  scharfer
und  klarer  Geist  wie  Ibn  Esra  musste  doch  darauf  bedacht
sein,  nicht  nur  die  Stellung  des  Gegners  anzugreifen,  sondern
auch  seiner  eigenen  eine  feste  Grundlage  zu  geben.  Die
Aeusserungen  Ibn  Esra’s  sind  deutlich  genug,  um  einen  Einblick ­
  in  seine  Ansicht  über  diesen  Punkt  zu  gestatten.  Wie
schon  aus  der  Einleitung  zum  Pentateuch-Commentar  ersichtlich ­
  ist,  schreibt  er  der  traditionellen  Auslegung  und  Erweite-1

  Sefer  Hakkabbala,  Ende.  S.  Fürst,  Gesch.  des  Kar.,  II,  167.
            
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