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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

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Bacher.

Pflege  der  hebräischen  Sprache  unter  den  Rabbaniten  die
Entwicklung  erst  beginnt, 1  so  ist  man  genöthigt,  nicht  nur
vom  polemischen,  sondern  vom  rein  geschichtlichen  Standpunkte ­
  aus,  zu  der  Beurtheilung  der  Karäer  auch  aus  ihrer
sprachwissenschaftlichen  Inferiorität  ein  Motiv  zu  schöpfen.
Oder  lag  es  etwa  an  rein  äusserlichen  Umstanden,  dass
diejenige  Abzweigung  der  jüdischen  Diaspora,  in  welcher  zuerst ­
  das  Streben  nach  einfachem,  von  Traditionsfesseln  unbeengten ­
  Schriftverständnisse  rege  war,  ja  welche  auf  Grund
dieses  einseitig  befriedigten  und  zu  weitgehenden  Consequenzen
führenden  Strebens  als  besondere  Sekte  sich  forterhielt,  dass
das  Karäerthum  auf  jenem  Gebiete,  in  dem  sein  Princip  und
seine  erhaltende  Kraft  sich  befand,  es  zu  keiner,  wenn  auch
relativen  Vollendung  gebracht  hat,  dass  es  weder  die  Grundgesetze ­
  der  hebräischen  Sprache  blosslegen,  noch  in  der  Exegese ­
  mehr  als  Ansätze  von  wirklicher  Bedeutung  liefern
konnte?  Ist  es  blosser  Zufall,  dass  die  Männer,  welche  die
Blüthe  biblischer  Sprachkunde  und  Exegese  herbeiführten,
nicht  zu  den  ,Männern  der  Schrift,  der  Forschung' 2  gehörten,
sondern  treue  und  bewusste  Anhänger  der  Tradition  waren  ?
Ist  es  blos  eine  Missgunst  des  Geschickes,  dass  im  selben
Jahrhunderte,  in  welchem  die  Glanzzeit  der  rabbanitischen
Literatur  begann,  der  Karäismus  einer  Erstarrung  verfiel,  aus
welcher  er  sich  nur  noch  selten  zu  innerer  geistiger  Regsamkeit ­
  empor  raffen  sollte?
Gewiss,  den  wahren  Grund  für  diese  wahrhaft  tragische
Erscheinung,  dass  der  Karäismus  dasjenige  Ziel,  welches  zu
erreichen  er  vermöge  seines  Princips  am  ehesten  geeignet
scheint,  nicht  erreichen  konnte,  müssen  wir  in  dem  Principe
selbst  suchen;  die  nähere  Erwägung  muss  lehren,  dass  die
erwarteten  Blüthen  und  Früchte  deshalb  ausblieben,  weil  der
Keim  von  vorneherein  nicht  die  genügende  Triebkraft  besessen
hat.  Die  Ursprünge  und  ersten  Wandlungen  des  Karäerthums
liegen  heute  —  trotz  manches  dunkel  gebliebenen  Punktes  —

1  Im  Vorworte  zu  Meosnujiin  nennt  Ibn  Esra  den  Gaon  als  den  Ersten
unter  den  ,Aeltesten  der  heiligen  Sprache 4 .
2  tnpan  'br:  ,»iBhn  'by-2.
            
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