Abraham Ihn Esra’s Einleitung zu seinem Pentateuch-Commentar.
381
Der mit Saadja beginnende und mit Maimüni seinen Höhepunkt
erreichende jüdische Rationalismus zeichnet sich durch
die doppelte Grundlage einer tadellosen, unerschütterten Gläubigkeit
und eines gleichzeitigen festen, ja kühnen und stolzen Vertrauens
auf die menschliche Vernunft und die von ihr errungenen
Wissensergebnisse und Wahrheiten aus. 1 Von dem europäischen
Rationalismus des vorigen Jahrhunderts unterscheidet ihn schon
der unbedingte Glaube an die biblischen Wunder, deren Zahl
zwar durch Auslegung hin und wieder vermindert wird, die
man aber im Ganzen für vereinbar mit der Vernunft hält. Im
Uebrigen jedoch ist es ein echter Rationalismus, welcher die
Rechte und Resultate des menschlichen Denkens mit ganzer
Seele anerkennt. Was unumstösslich als solches Resultat erkannt
ist, dem muss die heilige Schrift sich accommodiren.
Vollständige Uebereinstimmung zwischen Vernunft und Wissenschaft
auf der einen und Glauben und Bibel auf der andern
Seite, das bildete von vorneherein das Programm, mit welchem
Saadja die Fahne des aus stumpfer Gedankenlosigkeit, aber
auch aus verwirrendem Unglauben Erlösung bringenden Rationalismus
erhebt. 2 Bibel und Wissenschaft sind keine getrennten
Gebiete für die Schule Saadja’s, welche die Wissenschaft mit
jugendfrischem Enthusiasmus, die heilige Schrift mit stahlfester
Gläubigkeit, beide mit Innigkeit und Hingebung umfasst; der
Inhalt der einen ist der andern nicht fremd. Warum sollte
man sich also scheuen, wissenschaftliche Gegenstände, wenn
auch nur lose angeknüpft, in die Bibelerklärung hineinzutragen;
wurde doch die Bibel hiemit gewissermassen ergänzt. Auch
ein praktisches Motiv mag bestimmend gewesen sein. In jener
ersten Zeit des literarischen Aufschwunges, wo die Literatur
noch nicht die spätere reiche Gliederung aufwies, boten Bibelerklärungeu
hauptsächlich Gelegenheit, allerlei wissenschaftliche
Kenntnisse unter das Volk zu bringen; andererseits wieder
liebten die Leser, neben der Auslegung der Schrift noch
nebenher mancherlei Anderes zu lernen. Dass es dabei nicht
besonders gründlich zugehen konnte, dass der von Ibn Esra
gerügte Mangel, die Lehrsätze ohne Beweisführung vorzubringen,
1 S. auch Dukes, Beiträge, II, 88 ff.
2 S. Gr ätz, Gesell, der Juden, V, 816.