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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

Abraham  Ihn  Esra’s  Einleitung  zu  seinem  Pentateuch-Commentar.

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Der  mit  Saadja  beginnende  und  mit  Maimüni  seinen  Höhepunkt ­
  erreichende  jüdische  Rationalismus  zeichnet  sich  durch
die  doppelte  Grundlage  einer  tadellosen,  unerschütterten  Gläubigkeit ­
  und  eines  gleichzeitigen  festen,  ja  kühnen  und  stolzen  Vertrauens ­
  auf  die  menschliche  Vernunft  und  die  von  ihr  errungenen
Wissensergebnisse  und  Wahrheiten  aus. 1  Von  dem  europäischen
Rationalismus  des  vorigen  Jahrhunderts  unterscheidet  ihn  schon
der  unbedingte  Glaube  an  die  biblischen  Wunder,  deren  Zahl
zwar  durch  Auslegung  hin  und  wieder  vermindert  wird,  die
man  aber  im  Ganzen  für  vereinbar  mit  der  Vernunft  hält.  Im
Uebrigen  jedoch  ist  es  ein  echter  Rationalismus,  welcher  die
Rechte  und  Resultate  des  menschlichen  Denkens  mit  ganzer
Seele  anerkennt.  Was  unumstösslich  als  solches  Resultat  erkannt ­
  ist,  dem  muss  die  heilige  Schrift  sich  accommodiren.
Vollständige  Uebereinstimmung  zwischen  Vernunft  und  Wissenschaft ­
  auf  der  einen  und  Glauben  und  Bibel  auf  der  andern
Seite,  das  bildete  von  vorneherein  das  Programm,  mit  welchem
Saadja  die  Fahne  des  aus  stumpfer  Gedankenlosigkeit,  aber
auch  aus  verwirrendem  Unglauben  Erlösung  bringenden  Rationalismus ­
  erhebt. 2  Bibel  und  Wissenschaft  sind  keine  getrennten
Gebiete  für  die  Schule  Saadja’s,  welche  die  Wissenschaft  mit
jugendfrischem  Enthusiasmus,  die  heilige  Schrift  mit  stahlfester
Gläubigkeit,  beide  mit  Innigkeit  und  Hingebung  umfasst;  der
Inhalt  der  einen  ist  der  andern  nicht  fremd.  Warum  sollte
man  sich  also  scheuen,  wissenschaftliche  Gegenstände,  wenn
auch  nur  lose  angeknüpft,  in  die  Bibelerklärung  hineinzutragen;
wurde  doch  die  Bibel  hiemit  gewissermassen  ergänzt.  Auch
ein  praktisches  Motiv  mag  bestimmend  gewesen  sein.  In  jener
ersten  Zeit  des  literarischen  Aufschwunges,  wo  die  Literatur
noch  nicht  die  spätere  reiche  Gliederung  aufwies,  boten  Bibelerklärungeu
  hauptsächlich  Gelegenheit,  allerlei  wissenschaftliche
Kenntnisse  unter  das  Volk  zu  bringen;  andererseits  wieder
liebten  die  Leser,  neben  der  Auslegung  der  Schrift  noch
nebenher  mancherlei  Anderes  zu  lernen.  Dass  es  dabei  nicht
besonders  gründlich  zugehen  konnte,  dass  der  von  Ibn  Esra
gerügte  Mangel,  die  Lehrsätze  ohne  Beweisführung  vorzubringen,

1  S.  auch  Dukes,  Beiträge,  II,  88  ff.
2  S.  Gr  ätz,  Gesell,  der  Juden,  V,  816.
            
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