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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

Abraliam  Ihn  Esra’s  Einleitung  zu  seinem  Pentateucli-Commentar.  367
Schale.  Wohl  hatte  er  sich  aus  platonischen  und  neupythagoräischen
  Elementen  eine  philosophische  Weltanschauung-  zurecht ­
  gelegt;  aber  zum  Aufbau  eines  bestimmten  philosophischen ­
  Systems,  von  welchem  Alles,  was  in  den  Kreis  des
Denkens  und  Forschens  tritt,  sein  Gepräge  erhielte,  zu  einem
Systeme,  wie  es  Maimüni  ausbildete  und  mehr  noch  die  ihm
folgenden  jüdischen  Aristoteliker,  konnte  Ihn  Esra’s  geistige
Beanlagung  gar  nicht  führen.  Er  vereinigte  mit  den  glänzendsten ­
  Gaben  des  durchdringendsten  Verstandes  und  Witzes  eine
—  wenn  man  so  sagen  darf  —  fragmentarische  Art  zu  denken.
Ihn  fesseln  in  erster  Reihe  die  einzelnen  Erscheinungen  auf
den  Gebieten  des  Wissens;  in  sie  kann  er  sich  vertiefen,  auf
einzelne  Punkte  lenkt  er  sein  volles  Interesse,  die  Energie
seines  Scharfsinnes,  die  glückliche  ihm  zu  Tlieil  gewordene
Combinationsgabe.  Diese  unbefangene  und  von  natüiiichen
Geistesgaben  unterstützte  Plingebung  an  das  Einzelne,  an  das
auch  scheinbar  Geringe  gehört  unstreitbar  zu  den  nothwendigsten
  Eigenschaften  eines  guten  Exegeten.
Was  Ibn  Esra’s  Verhältniss  zur  Tradition  und  zur  midraschischen
  Schriftauslegung  betrifft,  so  wird  der  Gang  dieser
Arbeit  dazu  führen  müssen,  dasselbe  aus  seinen  eigenen  darauf
Bezug  habenden  Aeusserungen  zu  beleuchten.  Auf  jeden  Fall
können  wir  ihm  als  Exegeten  hierin  jenen  Grad  von  Unabhängigkeit ­
  beimessen,  der  zu  seiner  Zeit  überhaupt  erreichbar
war.  Diese  Unabhängigkeit  ist  nicht  einmal  Ibn  Esra’s  persönliches ­
  Verdienst;  sie  war  in  der  glücklichen  Entwickelung  der
jüdisch-spanischen  Cultur  begründet.  Als  zur  Zeit  Chasdai’s
auf  der  pyrenäischen  Halbinsel  zuerst  eine  tiefere  Kenntniss
der  Ueberlieferungs-Literatur,  ein  ausgedehntes  Talmudstudium
begann,  da  hatten  die  mit  ihren  muhammedanischen  Mitbürgern
wetteifernden  Juden  schon  eine  gewisse  Höhe  wissenschaftlicher ­
  Cultur  erreicht;  ihre  Bildung  hatte  schon  ein  festes,
harmonisches  Gepräge  erhalten,  Poesie  und  grammatische  Untersuchungen ­
  erfreuten  sich  eingehender  Pflege.  So  konnte  das
Talmudstudium,  auch  als  es  weit  und  breit  in  den  spanischen
Lehrhäusern  in  ausgedehntem  Masse  getrieben  wurde,  keine
einseitige  Geistesrichtung  hervorbringen.  Vielmehr  kam  jenes
schöne  Gleichgewicht  zwischen  weltlicher  und  religiöser  Bildung ­
  zu-  Stande,  das  in  der  jüdisch-spanischen  Cultur  so  wohl-
            
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