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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

in  dem  öden  Zwischenräume,  während  dessen  das  jüdische
Volk  gewissermassen  geistig  blos  damit  beschäftigt  war,  den
in  der  talnmdischen  Literatur  niedergelegten  Stoff  sich  zu
assimiliren,  in  dieser  Zeit  arbeiteten  die  emsigen  Meister  von
Babylon  und  Tiberias  an  der  beispiellos  sorgfältigen  und  für
die  Exegese  unvergleichlich  wichtigen  Feststellung  des  biblischen ­
  Textes,  an  der  Massora,  welche  trotz  mancher  Missgriffe
allein  die  genauere  Kenntniss  der  hebräischen  Sprachgesetze
und  einen  einigermassen  sichern  Boden  für  alle  kommende
Exegese  ermöglicht  hat.
Diese  Elemente  einer  eigentlichen  Exegese,  wie  sie  in
der  Targumistik  und  Massora  reichlich  vorhanden  waren  und,
glücklicherweise  auch  mit  der  nöthigen  Autorität  versehen,  in
der  Diaspora  sich  erhielten,  sie  bildeten  auch  den  Boden,  aus
dem  eine  gesunde  Bibelerklärung,  wenn  einmal  das  Bedürfniss
für  sie,  wenn  das  Verständniss  für  ihre  Ziele  und  Anforderungen ­
  da  war,  zahlreiche  Keime  der  vielfachsten  Belehrung
entnehmen  konnte.
Dieses  Bedürfniss,  sowie  dieses  Verständniss  erwachte  —
um  von  den  Karäern  abzusehen  —  in  der  von  Saadja  hauptsächlich ­
  vertretenen  gaonäischen  Exegetenschule.  Aber,  wie
dies  im  Laufe  dieser  namentlich  die  ersten  Versuche  der  nachtalmudischen
  Bibelexegese  behandelnden  Arbeit  genauer  erörtert ­
  wird,  in  jener  Schule  liess'  die  philosophische  Richtung
sowohl,  wie  auch  die  Abhängigkeit  von  der  Tradition  noch
nicht  die  nöthige  Voraussetzungslosigkeit  und  Unbefangenheit
auf  kommen;  andererseits  reichten  die  in  Targum  und  Massora
niedergelegten  Elemente  der  Exegese  nicht  hin,  um  den  Mangel
eines  wissenschaftlichen  Verständnisses  der  hebräischen  Sprache
auszufüllen.  Einen  Höhepunkt  konnte  die  rechte  Exegese  erst
da  erreichen,  wo  die  beiden  ITauptbedingungen  für  eine  solche:
möglichste  Unbefangenheit  und  möglichste  wissenschaftliche
Erkenntniss  der  hebräischen  Sprachgesetze,  zusammentrafen.
Diese  Bedingungen  vereinigte  aber  seit  dem  Aufblühen
der  neuen,  im  Osten  begonnenen  und  auf  Spaniens  Boden  so
herrlich  entfalteten  jüdischen  Cultur  niemand  in  so  hohem
Masse,  als  Abraham  Ibn  Esra.
Zunächst  beugte  sich  sein  freier,  selbständiger  Kopf  nicht
unter  die  Fesseln  irgend  einer  bestimmten  philosophischen
            
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