in dem öden Zwischenräume, während dessen das jüdische
Volk gewissermassen geistig blos damit beschäftigt war, den
in der talnmdischen Literatur niedergelegten Stoff sich zu
assimiliren, in dieser Zeit arbeiteten die emsigen Meister von
Babylon und Tiberias an der beispiellos sorgfältigen und für
die Exegese unvergleichlich wichtigen Feststellung des biblischen
Textes, an der Massora, welche trotz mancher Missgriffe
allein die genauere Kenntniss der hebräischen Sprachgesetze
und einen einigermassen sichern Boden für alle kommende
Exegese ermöglicht hat.
Diese Elemente einer eigentlichen Exegese, wie sie in
der Targumistik und Massora reichlich vorhanden waren und,
glücklicherweise auch mit der nöthigen Autorität versehen, in
der Diaspora sich erhielten, sie bildeten auch den Boden, aus
dem eine gesunde Bibelerklärung, wenn einmal das Bedürfniss
für sie, wenn das Verständniss für ihre Ziele und Anforderungen
da war, zahlreiche Keime der vielfachsten Belehrung
entnehmen konnte.
Dieses Bedürfniss, sowie dieses Verständniss erwachte —
um von den Karäern abzusehen — in der von Saadja hauptsächlich
vertretenen gaonäischen Exegetenschule. Aber, wie
dies im Laufe dieser namentlich die ersten Versuche der nachtalmudischen
Bibelexegese behandelnden Arbeit genauer erörtert
wird, in jener Schule liess' die philosophische Richtung
sowohl, wie auch die Abhängigkeit von der Tradition noch
nicht die nöthige Voraussetzungslosigkeit und Unbefangenheit
auf kommen; andererseits reichten die in Targum und Massora
niedergelegten Elemente der Exegese nicht hin, um den Mangel
eines wissenschaftlichen Verständnisses der hebräischen Sprache
auszufüllen. Einen Höhepunkt konnte die rechte Exegese erst
da erreichen, wo die beiden ITauptbedingungen für eine solche:
möglichste Unbefangenheit und möglichste wissenschaftliche
Erkenntniss der hebräischen Sprachgesetze, zusammentrafen.
Diese Bedingungen vereinigte aber seit dem Aufblühen
der neuen, im Osten begonnenen und auf Spaniens Boden so
herrlich entfalteten jüdischen Cultur niemand in so hohem
Masse, als Abraham Ibn Esra.
Zunächst beugte sich sein freier, selbständiger Kopf nicht
unter die Fesseln irgend einer bestimmten philosophischen